Zeitung Heute : Mit Amors Hilfe

KOMISCHE OPER 12 Stunden Musiktheater: Barrie Kosky spielt alle drei Monteverdi-Opern an einem Tag.

UWE FRIEDRICH

Die Intendanz von Barrie Kosky an der Komischen Oper beginnt mit einem Frühstück. Am 16. September wird eine Stunde vor der ersten Aufführung um 11 Uhr morgens der Duft von frischen Brötchen und Kaffee durch die Foyers ziehen, bevor sich das Publikum auf die Plätze begibt. Dann geht es los mit „Orpheus“, gefolgt von „Odysseus“ und „Poppea“. Alle drei erhaltenen Opern von Claudio Monteverdi an einem Tag, das muss man sich erstmal trauen. „Ich wollte nicht mit einer ganz gewöhnlichen Premiere eröffnen“, sagt Barrie Kosky, „dann steht man mit dem Sektglas im Foyer rum, plaudert ein bisschen und schaut schließlich, was der Kosky sich für die erste Premiere im neuen Amt einfallen lässt. Ich wollte ein verrücktes Projekt zur Eröffnung haben. Etwas, das wir nicht ins Repertoire übernehmen können, weil der Aufwand zu groß wäre. Bis zur Generalprobe haben wir auch überhaupt keine Ahnung, ob es funktioniert, denn das wird der erste Tag sein, an dem wir alle Einzelteile gemeinsam spielen.“

Lange vor den Theaterferien haben der Regisseur und seine Mitstreiter die drei Opern durcheinander geprobt. Eine Herausforderung für alle Beteiligten: Welche Szenen sind schon fertig, an welche muss man noch mal ran? Werden die Puzzleteile auch nur einigermaßen zusammen passen?

Die Opern Claudio Monteverdis müssen in jeder Hinsicht neu erfunden werden, wenn sie auf die Bühne kommen, denn die barocken Noten enthalten nur wenige Informationen. Statt eine vermeintlich authentische Fassung zu rekonstruieren, hat die Komponistin Elena Kats-Chernin Monteverdis Musik für die Komische Oper bearbeitet und kam zu wahrhaft zeitgenössischen Lösungen. „Jede Oper hat ihre eigene Besetzung“, erläutert Barrie Kosky. Im ‚Odysseus’ spielt unter anderem ein Cymbalon mit, außerdem Holzbläser, Geige und afrikanische Instrumente. Auch in den anderen beiden Opern werden wir Klänge hören, die wir bislang nicht mit Monteverdi in Verbindung brachten. Jede der drei Opern hat eine ganz eigene Klangwelt. Von Stück zu Stück wird die Besetzung zerbrechlicher. Es ist alles von Monteverdi, aber mal erinnert es an Heitor Villa-Lobos, mal an Astor Piazzola, dann wieder an Klezmermusik.“

Kosky rechnet damit, dass einige Barockspezialisten das ganz furchtbar finden. „Aber vielleicht hören auch sie diese Musik nachher mit anderen Ohren, nämlich ganz neu und ganz anders. Außerdem würde ich Monteverdi mit einem Barockorchester nie auf Deutsch aufführen. Aber in dieser Neuinstrumentierung funktioniert das fantastisch.“

Mit Monteverdis Orpheus betritt der erste moderne Mensch die Bühne des Musiktheaters. Seine Penelope ist die erste Operndiva mit einem zehnminütigen Monolog, der die Urszene der leidenden Sängerin bildet. In der Politsatire um Poppeas Aufstieg zeigt der Komponist schließlich Machtmechanismen auf, die noch heute zum politischen Erfolg führen. Vor allem im letzten Teil dieser Trilogie steckt viel groteske Komik, aber auch mitten im melancholischen „Odysseus“ will sich ein nichtsnutziger Diener aus Angst vor dem Hungertod umbringen, weil ihm seine wohlhabenden Herren abhanden kamen. Nach dem Anfang dieses langen Operntages mit der todtraurigen Geschichte des Orpheus wird es immer wieder etwas zu lachen geben. Dafür steht auch Kammersänger Peter Renz, der vom „Orpheus“-Prolog an den Amor in allen drei Opern singen und spielen wird. Er kommentiert die Handlung und verklammert so die unterschiedlichen Geschichten von Liebe und Hass, Glück und Verlust. Alles, was Opernkomponisten über Jahrhunderte variieren werden, ist bei Monteverdi schon vorhanden. Von hieraus geht die Reise auch für den neuen Intendanten der Komischen Oper ins Ungewisse, ins Offene, ins Aufregende.

Premiere 16.9., 11 Uhr

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