Zeitung Heute : Mit Andy Warhol schlafen

Der Tagesspiegel

Andy Warhol schaut direkt ins Bett, vom Fußende aus. Wer gern entspannt auf dem Rücken schläft, dem schaut er also ins Gesicht. Jedoch lässt sich sein Blick abschalten: Durch Warhols auf eine Glasscheibe gedrucktes Porträt strahlt Licht. Und nach einem Knips auf den Schalter guckt er nicht mehr.

Schon seit Januar gibt es das „Art’otel city-west“, ein Kunst-Hotel, das in der Gestaltung und Ausstattung an Andy Warhol und die Zeit der Popart erinnern soll. Gestern wurde nun offiziell die Eröffnung gefeiert. In der Lietzenburger Straße 85 ist auf jeder Etage eine Warhol-Serie zu sehen – im ersten Stock sind das die Suppendosen: Ein Druck der „Old fashioned vegetable soup“ hängt neben „Manhandler’s Scotch broth“ und einer – „ABC“- Buchstabensuppe. Die legendäre Banane, bekannt vom Plattencover von „Velvet Underground“, hängt im fünften Stock. Im Hotel werden 221 Kunstwerke im Wert von etwa 750 000 Euro gezeigt. Das billigste Doppelzimmer gibt es für 160 Euro. Eine Suite ist etwa fünfzig Euro teurer.

„Wir wollen keine uniformierten Hotels, keine Hotels von der Stange“, sagt Michael Lopacki von der Betreiberfirma „Park Plaza“. Deshalb arbeite er zusammen mit dem Unternehmer und Kunstsammler Dirk Gädeke, der die Idee des Kunst-Hotels hatte. Das Modell macht alle froh: Der Betreiber mietet den Namen „Art’otel“ von Gädeke und verdient damit Geld. Gädeke kann seine Kunstwerke zeigen, ohne teuer einen Hochsicherheitstrakt mieten zu müssen. Die Gäste können nach dem Berlin-Trip erzählen, in was für einem ausgefallenen Schuppen sie gewohnt haben. Sogar die Künstler sind happy: Sie dürfen in den ihnen gewidmeten Hotels kostenlos wohnen. Andy Warhol nützt das nichts mehr, er ist tot. Doch Georg Baselitz, mit dessen Plastiken und Grafiken ein anderes Berliner Kunst-Hotel gestaltet ist, habe schon fünfzig Mal dort übernachtet, sagt Gädeke. Ein Wolf-Vostell-„Art’otel“ gibt es in der Joachimsthaler Straße, ein Penck-Hotel in Dresden.

Doch trotz der vielen Exponate, die im Warhol-Hotel auf jeder Treppe, jedem Flur und sogar in einer Abstellkammer hinter dem Büfett hängen: Das Kunst-Hotel ist mit wenig Liebe zum Detail gestaltet. Blaue Teppiche auf den Fluren reichen nicht, um im Haus Popart-Stimmung aufkommen zu lassen. Titel der aufgehängten Drucke und Fotos sucht man vergebens. cdz

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