Zeitung Heute : Mit Ansage

Niemand will einen Krieg, aber alle bereiten sich darauf vor. Denn wenn er kommt, bleibt fürs Planen keine Zeit. Soldaten marschieren an den Golf, Hilfsorganisationen beraten Iraks Nachbarn, Journalisten reisen nach Bagdad. Niemand darf zu spät kommen.

Joachim Huber Matthias Bartsch

Von Joachim Huber

und Matthias Bartsch

RTL hat sich beim Fernsehzuschauer bestens in Stellung gebracht. Bis heute Abend wird sich „Anchorman“ Peter Kloeppel mehrfach aus Bagdad gemeldet haben. Damit ihn auch keiner übersieht, hat der Sender am Montagabend noch ein „Spezial“ ins Programm gehoben, direkt im Anschluss an die Quizshow „Wer wird Millionär?“. Den Peter-Kloeppel-in-Bagdad-Auftritt sahen 9,07 Millionen Menschen. Laut RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer steckt die Überlegung dahinter, dass „Peter Kloeppel im Kölner Studio über Bagdad erzählen kann, wenn im Kriegsfall die Bilder ausbleiben“. Wie am 11. September 2001, als der frühere Amerika-Korrespondent Kloeppel den Stadtplan von New York quasi im Kopf hatte.

Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern will man den Auftritt von Kloeppel nicht überbewerten. „Wir haben Fachleute vor Ort“, sagt ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann. „Das, was RTL gemacht hat, ist sicherlich ganz dekorativ und schön, aber das Wesentliche kann nicht sein, dass ein Präsentator vor Ort herumturnt.“ Für ihn hat es momentan keinen Sinn, eine Nachrichtensendung direkt aus der Krisenregion zu übertragen. „Die Kollegen Wickert und Will sind in der Lage, von Deutschland aus zu moderieren, und im Irak haben wir unseren Korrespondenten Jörg Armbruster.“ Allerdings kann sich von der Tann generell Sendungen vor Ort vorstellen, dann aber weniger aufgrund von inhaltlichen Bezügen. Auch Elmar Theveßen, Chef vom Dienst der Redaktion Aktuelles beim ZDF, glaubt, dass Auftritte von Moderatoren im Irak mit Vorsicht zu genießen sind. „Dadurch wird eine Dramatisierung erreicht, die momentan nicht gegeben ist“, sagt er.

Der zweite Golfkrieg – und keine Bilder? Oder nur die vom US-Nachrichtenkanal CNN? Eigene Bilder von eigenen Korrespondenten, das wollen die deutschen Sender ihren Zuschauern anbieten. Von den öffentlich-rechtlichen Anstalten bis zu den Privatstationen: Mensch und Material sind im Krisengebiet. RTL ist in Kooperation mit n-tv durch die ständige Korrespondentin Antonia Rados in Bagdad vertreten. Der Nachrichtenkanal N 24, der auch Sat 1, Pro 7 und Kabel 1 mit Berichten versorgt, hat die Reporter Katrin Sandmann und Steffen Schwarzkopf vor Ort. N-24-Chefredakteur Peter Limbourg sagt, dass „sie sich frei bewegen könnten“ – mit zwei Einschränkungen: ständige Begleitung durch irakische Aufpasser, Drehmöglichkeiten nach Ansage der Behörden.

Auch bei der ARD laufen die Vorbereitungen intensiver als vor einigen Wochen. Neben Jörg Armbruster im Irak sind weitere Journalisten in Kuwait, Qatar, Jordanien und Ägypten.

„Keine Ein-Kanal-Berichterstattung“

Ein zweites Team um Thomas Aders vom Südwestrundfunk soll in den Irak geschickt werden. Das ZDF erhöht ebenfalls seine Korrespondentenzahl in den Nachbarstaaten. „Es ist aber äußerst schwierig, ein Visum für die Einreise in den Irak zu bekommen“, sagt ZDF-Journalist Theveßen. Ob der breite Bilderstrom aus der Region auch im Kriegsfall fließen wird, hängt nach Limbourgs Angaben „von den Parteien ab“. Derzeit sei das Spektrum der Fernsehteams bedeutend größer als im Golfkrieg 1991, seien deutlich mehr Mitarbeiter in Bagdad. „Bis jetzt gibt es keine Ein-Kanal-Berichterstattung, der Zuschauer kann sich aus verschiedenen deutschen und ausländischen Quellen bedienen.“ Sollte das US-Militär angreifen, erwartet der N-24-Chefredakteur, dass in einer ersten Welle die US-Medien an die Front gehen dürfen, „und in einer zweiten Welle dann die nichtamerikanischen“. Dann besteht Lebensgefahr. „Wer jetzt und später aus dem Kampfgebiet berichtet, der tut dies freiwillig“, sagt n-tv-Sprecher Thomas Schulz.

Die bisherige Praxis der Berichterstattung aus der Golfregion wird nach Limbourgs Einschätzung nicht ohne Einfluss auf die öffentliche Meinung sein: „In Bagdad nur unbewaffnete Zivilisten, die nur den Frieden wollen, auf der anderen Seite die US-Soldaten, die selbst bei der Übertragung des Super Bowl noch martialisch aussehen.“ Auf irakischer Seite sei die Instrumentalisierung der Medien größer.

Alle Sender sagen, sie seien nicht nur am Golf, sondern auch in den Heimatredaktionen bestens vorbereitet: virtuelle Studios, Grafiken, Hintergrundberichte fertig, Experten gebucht. Die 50-minütige Bush-Rede wollte beispielsweise die ARD heute Morgen live übertragen. Dazu im Anschluss Interviews und Berichte zum Thema. Zuerst hatten die ARD-Verantwortlichen überlegt, eine größere Diskussionsrunde vor der Rede um Mitternacht zu senden. Nach dem Bericht der UN-Waffeninspekteure rechnete aber niemand mit großen Überraschungen in den Worten des amerikanischen Präsidenten. „Deshalb glauben wir, dass die Nachbereitung der Übertragung für den Zuschauer spannender ist und haben den Schwerpunkt darauf gelegt“, sagt WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn.

Ganz gleich, ob es zu einem Krieg kommen wird oder nicht, die aufgebaute Infrastruktur kommt die Sender teuer zu stehen: „Wir investieren mehr Geld ins Programm als sonst“, sagt Limbourg. Bereit sein, das ist die Maxime. Und alle glauben, dass sie vom Waffengang nicht überrascht werden. RTL-Sprecher Bolhöfer sagt, „das wird ein Krieg mit mehrstündiger Ansage“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben