Zeitung Heute : Mit auf die Reise, Morini

Die Berge trägt die Granpasso schon im Namen. Sie ist eine Enduro für die große Fahrt

Bernd Zimmermann

Wenn ein Motorradtyp über viele Jahre die Zulassungsstatistiken anführt, dann regt dieser Erfolg in der Regel andere Hersteller dazu an, selbst ein Bike mit ähnlichen Ausstattungs-Parametern zu konstruieren und in die eigene Modellpalette einzureihen. Und das hier ist so ein Fall: Mit der Granpasso will Moto Morini im Revier der überaus erfolgreichen BMW R 1200 GS wildern.

Im Gegensatz zur nüchternen Buchstabenkombination der bayerischen Groß-Enduro erzeugt allerdings schon der Name der hochbeinigen Italienerin Fernweh. Und, Überraschung: Obwohl die Granpasso wuchtig wirkt, wartet sie im Club der hubraumstarken Reiseenduros sogar mit vollem 27-Liter-Tank mit dem geringsten Gewicht auf. Die Konstrukteure haben ihrem Geländespross dazu einige praxisgerechte Gimmicks mit auf die Schotterstraße gegeben. So kann der Scheinwerfer auf die unterschiedlichen Belastungszustände ebenso eingestellt werden wie auch das Windschild fünffach auf die Körpergröße des Piloten. Das Triebwerk wird serienmäßig von einem großflächigen Aluminiumschutz behütet.

1490 Millimeter Radstand versprechen gutes Handling. Im Zubehörkatalog finden wir für größere Ausritte außerdem noch 34-Liter-Seitenkoffer, 46-Liter-Topcase, höheres Touren-Windschild, Navi-System, Heizgriffe, Handprotektoren, Hauptständer, Offroad-Sitzbank und Ölkühler. Das Digitalcockpit liefert dazu zahlreiche, über die linke Lenkerarmatur abrufbare Informationen.

Aber das sind nur bleiche Fakten. Das Gefühl sagt: Die neue Morini gehört zu den nicht gerade zahlreichen Bikes, für die das Motto „Draufsitzen und wohlfühlen“ für Menschen unterschiedlichster Größe gilt: Fahrer und Sozius finden einen dick gepolsterten, komfortablen Sitzplatz mit entspanntem Kniewinkel und gutem Tankschluss vor. Der quer eingebaute, kurzhubige 87-Grad-Zweizylinder-V-Motor im roten Gitterrohrgeflecht geht sanft, aber trotzdem druckvoll zu Werke. Und erstmals verhindert in einer großen Reise-Enduro eine Antihopping-Kupplung, dass das Hinterrad aus der Spur gerät.

Das Triebwerk hängt direkt, jederzeit kontrollierbar am Gaszug und zeigt weder Konstantfahrruckeln noch Gaswechselreaktionen. Das gut abgestimmte Fahrwerk arbeitet mit einem an der rechten Hinterradschwingenseite direkt angelenkten, volleinstellbaren Öhlins-Federbein und liegt in Kurven und auch bei Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn ruhig und stabil. Trotz der langen Federwege bietet es klare Rückmeldung. Die 50 Millimeter-Upside-down-Gabel agiert eher sportlich straff, so dass kurze Stöße und unruhiger Untergrund deutlich spürbar sind. Daher sind die Domänen der Granpasso vor allem Kurvenknäuel und ausgebaute Landstraßen.

Und wenn man mal schneller langsam gehen muss: Die vordere, radial angesteuerte Doppelscheibenbremse bietet gute Dosierbarkeit und Verzögerungseigenschaften. Die hintere Einzelscheibe verlangt allerdings nach einem kräftigen Tritt. Und Matschwege und verregnete Straßen sollte der Granpasso-Pilot besser meiden. Nicht etwa, weil die gut haftende Metzeler-Tourance-EXP-Bereifung hier am Ende wäre, sondern weil der leider etwas kurz geratene Vorderradkotflügel Dreck und Wasser in den Motorschutz, den Kühler und über die Aussparungen für die Gabel auf den Piloten schleudert.

Trotzdem bleibt am Ende: Im Ganzen überzeugt der erste Auftritt der Morini Granpasso. Vor allem, wenn es auf die Reise gehen soll. Ein quicklebendiger Motor und ein stabiles, handliches Fahrwerk machen Lust auf die großen Pässe dieser Welt. Und das mit dem Schutzblech bekommen sie sicher auch noch hin.

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