Zeitung Heute : Mit Bachelor und Master durch ganz Europa

Jede Hochschule, die den Reformprozess verantwortungsvoll betreibt, stärkt den Studien- und Forschungsstandort Deutschland

Edelgard Bulmahn

Der Bologna-Prozess bietet den deutschen Universitäten und Fachhochschulen wie auch den Studierenden riesige Chancen, die sie nur mutig nutzen sollten. Die Hochschulen können die Qualität ihrer Studiengänge grundlegend verbessern und ihre Wettbewerbsfähigkeit im direkten Vergleich unter Beweis stellen. Den deutschen Studierenden bietet die flächendeckende Einführung des gestuften Bachelor-Master-Studiensystems die Mobilität, die für ihre berufliche Zukunft im größten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt unabdingbar sein wird.

Das ist keine Einbahnstraße, denn beim Bologna-Prozess geht es auch darum, mehr ausländische Studierende nach Deutschland zu holen, denn Wissenschaft lebt vom Austausch. Der Bologna-Prozess bietet noch mehr Vorteile als die flächendeckende Einführung von Bachelor und Master. Mit ihm wird ein Kreditpunktesystem eingeführt, das Diploma Supplement geschaffen und ein europäisches Verzeichnis der Qualitätssicherungsagenturen ins Leben gerufen. So wird die Darstellung und Vergleichbarkeit der Qualifikationsprofile von Hochschulabsolventen hergestellt. Die Bewertung und Einstufung der akademischen Abschlüsse bei einem Hochschulwechsel oder einer Bewerbung auf dem internationalen Arbeitsmarkt wird erleichtert. Ein funktionierendes Qualitätssicherungssystem stellt eine entscheidende Voraussetzung dar, um Qualität in der Lehre als eine Basis für die Profilentwicklung der Hochschulen zu nutzen.

Die Bergen-Konferenz der europäischen Bildungsminister im Mai diesen Jahres hat die zentrale Rolle der Hochschulen, ihres Personals und der Studierenden als Partner des Bologna-Prozesses bekräftigt. Auf sie kommt es an und die Hochschulen in ganz Europa bekennen sich zu dieser aktiven Rolle. Dabei ist allen Beteiligten bewusst, dass es Zeit erfordert, um die Lehrpläne den strukturellen Veränderungen optimal anzupassen und auf diese Weise die Einführung der innovativen Lehr- und Lernprozesse sicherzustellen, die Europa braucht. Bis 2010 soll ein Europäischer Hochschulraum geschaffen werden, in dem jede Hochschule und auch jedes nationale System seine Stärken unter Beweis stellen kann.

Entscheidend für die flächendeckende Einführung der gestuften Studiengänge ist die Akzeptanz bei den Studierenden. Die meisten von ihnen wissen mittlerweile, dass Bachelor- und Masterstudiengänge die Angebote der Zukunft sind. Bei anderen gibt es noch erkennbare Berührungsängste. Deshalb muss die Beratung intensiviert werden.

Die Vorteile der reformierten Studienangebote liegen doch klar auf der Hand: Das Bachelorstudium ist ein berufsorientiertes Grundstudium, das insbesondere Schlüsselkompetenzen vermittelt. Das auf ihm aufbauende Masterstudium ist klar wissenschaftlich ausgerichtet, so wie es das Diplom heute auch ist.

Nach einer HIS-Absolventenbefragung streben vor allem die Bachelor-Absolventen an den Universitäten ein Masterstudium an. Bei den FH-Bachelors liegt die Übergangsquote deutlich niedriger. Neun Monate nach Abschluss gehen über drei Viertel der Fachhochschul-Bachelors einer regulären Arbeit nach. Im Ergebnis schließt die Studie daraus, dass bei den universitären Bachelor-Absolventen eine stärkere Verunsicherung über die zukünftigen Chancen auf dem Arbeitsmarkt besteht. Hier muss noch intensiver und fachspezifisch über die Chancen des Bachelor-Abschlusses auf dem Arbeitsmarkt geworben werden.

Bei den Arbeitgebern jedenfalls hat ein Umdenken eingesetzt. Das zeigt die Initiative „bachelor welcome“ von führenden deutschen Konzernen. Für große Unternehmen, die auch im Ausland tätig sind, ist der Stellenwert der neuen Studiengänge unumstritten. Bei mittleren und kleineren Firmen muss noch effektiver darüber informiert werden, welche Reformarbeit in deutschen Hochschulen zur Zeit geleistet wird. Die Reform der Studiengänge und Studienabschlüsse wird dann erfolgreich sein, wenn sie systematisch und entschlossen vorangetrieben wird. Es werden eben nicht, wie manche behaupten, bloß Etiketten umgeklebt, sondern jede Hochschule kann die Umstellung dazu nutzen, ihre Studieninhalte zu überprüfen. Das bedarf der Sorgfalt, die auch Zeit kostet.

Doch der Erfolg ist messbar, denn am Ende steht eine qualitativ hochwertige Ausbildung mit modularer Studienstruktur, guter Betreuung und transparenter Qualitätssicherung. Die Hochschulrektorenkonferenz hat mit Unterstützung des Bundesbildungsministeriums eine „Servicestelle Bologna“ eingerichtet, die insbesondere die Hochschulen durch Online-Angebote, Publikationen und Veranstaltungen bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses unterstützt. Mit dem Ausbau zu einem Kompetenzzentrum werden diese Aktivitäten intensiviert und bei den deutschen Hochschulen der dynamische und effektive Prozess unterstützt. Hier müssen Bund und Länder an einem Strang ziehen. Deshalb ist die Klage Hessens, die vom Bundesverfassungsgericht im einstweiligen Verfahren zurückgewiesen worden ist, geradezu absurd und innovationshemmend.

Deutschland ist bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses gut aufgestellt. Schon mehr als ein Viertel aller Studiengänge sind auf Bachelor und Master umgestellt. So werden im Sommersemester 2005 an deutschen Hochschulen 1453 Bachelor- und 1481 Master-Studiengänge angeboten. Das ist zwar beachtlich, aber immer noch zu wenig, wenn wir zum Beispiel nach Norwegen oder in die Niederlande blicken.

Der Bologna-Prozess ist unumkehrbar. Jede einzelne Universität und jede einzelne Fachhochschule, die diese Reform verantwortungsvoll vorantreibt und ihre Vorteile weiterentwickelt, stärkt den Studien- und Forschungsstandort Deutschland und macht die Studierenden fit für die Erfordernisse der Zukunft.

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