Zeitung Heute : Mit Bauchschmerzen ins Klassenzimmer

Mit dem Leistungsdruck steigt auch die Schulangst

Katja Gartz

Die einen haben an Schultagen ständig Kopf- oder Bauchschmerzen und möchten am liebsten zuhause bleiben, andere leiden unter Appetitlosigkeit und Schlafstörungen, werden im Unterricht immer stiller. Der Grund dafür: Sie haben Angst vor der Schule. Zunehmender Leistungsdruck und Mobbing zählen zu den häufigsten Ursachen. Dem Pädagogen Detlef Träbert zufolge hat die Schulangst nach den ersten Ergebnissen der Pisa-Studie stark zugenommen. „Der Leistungsdruck ist gestiegen“, sagt der Vorsitzende des Vereins Aktion Humane Schule. Verstärkt werde der Druck durch den zunehmenden Einsatz von Vergleichsarbeiten und Lernstandserhebungen.

Da ebenso die Lehrer an ihrem Erfolg gemessen werden, geben diese häufig ihren Leistungsdruck an die Schüler weiter. Dazu erwarten viele Eltern gute Zeugnisnoten: Ein internationaler Arbeitsmarkt, Ausbildungsberufe, die nur mit dem Abitur zu erreichen sind, lösen bei vielen Müttern und Vätern Zukunftsängste aus. Die Kinder sollen möglichst früh mehrere Fremdsprachen lernen, ihre Fähigkeiten und Leistungen durch zusätzliche Kurse verbessern und möglichst das Abitur erreichen.

„Die Hälfte aller Eltern wünscht das Abitur für ihre Kinder – doch nur knapp 30 Prozent eines Jahrgangs erreichen es tatsächlich“, sagt Wolfgang Oelsner, der die Klinikschule der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln leitet. Da kopflastige Leistungen als Maß aller Dinge gelten, entstünden bei Kindern Ängste. Sie fürchten, nicht gut genug zu sein. Der Therapeut kritisiert, dass individuelle Begabungen, Stärken und Schwächen von Kindern und Jugendlichen in der Schule zu wenig berücksichtigt werden. Wolfgang Träbert bezeichnet die hohen Erwartungen der Eltern als fatal, weil der Druck, der eigentlich leistungsfördernd wirken solle, Blockaden auslöse. Dann hätten Schüler Schwierigkeiten, ihr vorhandenes Wissen zu nutzen.

Gründe für eine Schulangst können auch Konflikte mit anderen Schülern und Lehrern sein. Zur Qual wird der Unterricht für Kinder und Jugendliche, wenn sie in der Klasse bloßstellt werden, weil sie eine Frage falsch beantwortet haben, von Mitschülern gehänselt oder mit Gewalt bedroht werden. Laut Träbert wird heute jeder sechste Schüler gemobbt. Dabei werden sie nicht nur Mobbing-Opfer von Klassenkameraden, sondern auch ihrer Lehrer.

Ebenso können soziale Ängste dazu führen, dass Kinder sich nicht mehr in die Schule trauen. Durch Ausgrenzung beispielsweise, wenn über eine Klassenfahrt gesprochen wird und die Eltern diese nicht bezahlen können.

Hat ein Kind in der Schulzeit Beschwerden, die in den Ferien schlagartig verschwinden, kann das ein Zeichen für Schulangst sein. Eindeutige Symptome gibt es allerdings nicht. Ratsuchende Eltern können sich an Kinder- und Jugendtherapeuten oder Psychiater sowie an den schulpsychologischen Dienst wenden. Helfen können ebenfalls Klassengespräche, Streitschlichterprogamme, Elternkontakte zur Klassen- und Schulleitung oder auch ein Schulwechsel. Träbert – der selbst Lehrer in Grund- und Hauptschulen war und bei Bonn eine Beratungsstelle gründete – kritisiert, dass bei der Diskussion über die Effizienz im Unterricht die zunehmende Schulangst vernachlässigt werde. Mindern könnte diese ein besseres Kommunikationsklima, gemeinsame Gespräche mit Eltern, Lehrern und Schülern, sowie transparente und nachvollziehbar Leistungen. Außerdem sollten Schüler zu Selbsteinschätzungen animiert werden. Katja Gartz

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