Zeitung Heute : Mit Bertelsmann 24 Stunden angeln - oder eine Reise buchen?

Markus Ehrenberg

Das Fernsehen der Zukunft kommt nach Friedrichshain. Wer dort demnächst den Fernseher anstellt und sich vom Reisemagazin "Voxtours" inspirieren lässt, kann seinen Flug gleich mit der Fernbedienung buchen. Das geht mit Internet, das so aussieht wie Fernsehen und das Wohnzimmer zur Multimedia-Zentrale machen soll. Links das Glas Rotwein, rechts die Chips, in der Hand die Fernbedienung. Auf dem Bildschirm E-Mail-for-you-Symbole, Videos auf Abruf, Spiele, Spartenkanäle und E-Commerce. Ob das wirklich schon gefragt sind, sollen ab Frühjahr 2000 ein paar Hundert Friedrichshainer Haushalte in einem Pilotprojekt erweisen.

Wie schwer sich der durchschnittliche Fernsehzuschauer mit neuen Sehgewohnheiten tut, muss gerade Leo Kirch erfahren, dessen digitale d-Box nur schleppend verkauft wird. Wozu Premiere World mit 70 Kanälen, wenn man jeden Tag Fußball oder Filme auf 36 Kabelsendern sehen kann? Dementsprechend zögerlich gibt sich die Bertelsmann Broadband Group, ein Ableger von Bertelsmann Multimedia, der sich als erster europäischer Anbieter ins interaktive Fernsehen wagt. "Mit der Testphase haben wir noch keine endgültige Entscheidungen über unser weiteres Engagement getroffen. Aber nur, wenn jemand anfängt, kann das Neue Medium entstehen", sagt Werner Lauff, Leiterder Bertelsmann Broadband Group. Fraglich ist nicht nur die Zuschauerakzeptanz, sondern auch die technische Umsetzung des Fernsehens von morgen. Über die Zusammenarbeit mit drei führenden Kabelgesellschaften erreicht Bertelsmann im günstigsten Fall rund vier Millionen Haushalte in zehn Großstädten: Berlin, Köln, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Rostock, Zwickau, Wolfsburg, Leipzig, Hamburg sowie Norderstedt bei Hamburg.

Zur Zeit haben bundesweit nur ein Prozent der deutschen Kabelnetze einen sogenannten Rückkanal mit einem Frequenzspektrum von 862 MHz. Die digitale Kanäle, die verteilt werden, befinden sich im Hyperband mit 450 MHz. Die Kabelnetze müssen aufgerüstet werden. Das kostet. 70 Prozent des Kabelnetzes etwa drei Milliarden Mark. Wer soll das bezahlen?

Beim Arzt im Wartezimmer



"Das Problem ist, dass die Telekom als Eigner der Kabelnetze mit dem Verkauf der Netze wartet. Es geht um die Summe von 20 Milliarden Mark. Als investitionsbereiter Betreiber muss man sich bei der Telekom fühlen wie im Wartezimmer eines Arztes, der vor dem nächsten Quartal niemanden mehr behandelt", klagt Werner Lauff. Immerhin: Für den Probelauf in Friedrichshain hat die Urbana Telekommunikation die letzte Kabelmeile von 5000 Haushalten aufgerüstet. "35 sind interessiert. Jetzt warten wir auf die Endgeräte, die die Angebote auf den Fernsehschirm bringen", sagt Urbana-Sprecher Peter Brust-Parwanow.

Diese Endgeräte sollen im Frühjahr auf den Markt kommen. Interaktive Fernsehempfänger benötigen eine Set Top Box, nach Kirchs d-Box "die zweite Generation" der digitalen Endgeräte. Zwar fallen beim interaktiven Fernsehen die Telefongebühren weg, aber umsonst ist der multimediale Bildschirmdienst nicht. Die Set Top Box kostet "so zwischen 400 und 600 Mark", sagt Werner Lauff. "Dazu kommen noch rund zehn Mark monatliche Gebühren und Gebühren für Filme."

Gibt es dafür Käufer? Das fragt sich eine Allianz aus Netzbetreibern, Endgeräteherstellern und Diensteanbietern. Ins Boot sollen TV-Sender, Produktionsfirmen, Videoproduzenten, Plattenfirmen aber auch Buchhandel, Schallplattengeschäfte und der Versandhandel. Ihnen verspricht Bertelsmann einen zweiten Vertriebsweg: Mehrfachverwertung von Bildern, das Senden ungesendeter Filme, die Schaffung virtueller Spartenkanäle. Oder einen verkauften Flug auf die Malediven, wenn sich der Zuschauer von "Voxtours" hat inspirieren lassen. Vielleicht wird das der Zuschauer aber auch nicht tun, Chips essen und genervt fragen, warum er Geld für eine Box zahlt, die ihm 24 Stunden Sparten-Angeln serviert.

Und vielleicht endet die schöne, neue Fernsehwelt schneller, als es dem Bertelsmann-Sprecher lieb ist: "Mit der Annäherung von Fernsehen und Internet verhält es sich nicht anders als mit der erotischen Annäherung von Mann und Frau. Alle wollen sie. Manchmal ist das aber auch einfach zu kompliziert. Gelegentlich werden Erwartungen enttäuscht. Zuweilen bleibt es bei einem One-Night-Stand. Nur ab und zu wird eine romantische Beziehung daraus. Und nur selten kommt es zu fruchtbaren Ergebnissen."

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