Zeitung Heute : Mit Bescheidenheit auftrumpfen

Von Elisabeth Binder

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Es gibt einen berühmten Werbespot, in dem zwei Männer versuchen, einander zu übertrumpfen. „Mein Haus. Mein Auto. Meine Yacht.“ Rührend altmodisch. Aber wahrscheinlich müssen wir dem Werbeteam dankbar sein, dass es sich die Mühe gemacht hat, eine Attitüde festzuhalten, mit der man eine Zeitlang bei Wiederbegegnungen aller Art durchkam. Besser. Höher. Weiter. Der Hype rund um die Jahrtausendwende. Das war einmal. Ist es den schlechten Zeiten geschuldet, dass Understatement eine Renaissance erlebt? Nicht, weil keiner mehr was zum Angeben hätte, sondern eher, weil es sich mit höflichen Untertreibungen noch viel effizienter angeben lässt, als mit dem Auffahren materieller Errungenschaften.

Eins ist schließlich klar: Niemand mag den Mann mit der dickeren Yacht. Er kann bestenfalls auf Neid und Verachtung hoffen. Je deutlicher es ihm gelingt, seinen Gesprächspartnern ein Gefühl der eigenen Benachteiligung einzuflößen, desto unbeliebter macht er sich bei ihnen. Im Kampf um das beste soziale Auftreten erringt er allenfalls eine Fünf. Setzen.

Derjenige, der die eigenen Fotos stecken lässt und die entzückenden Familienbilder des lang verschollenen Freundes bewundert, das schmale Reihenhaus des Ex-Kollegen wie ein Schloss bestaunt und angesichts irgendeines blankpolierten Mittelklassewagens ehrfürchtig fragt „Wieviel hat er denn drauf?“, wird sich viel beliebter machen. Schließlich ist jeder gern selbst der Star, und es ist viel angenehmer, bewundert zu werden, als mit offenem Mund da zu stehen und sich zu fragen: Wie hat es dieser blöde Kerl zu einer Yacht gebracht? War der nicht immer besonders unbegabt und ist er nicht allen auf die Nerven gegangen, als er versuchte, Inkompetenz durch Intrigen oder peinliche Kumpeleien zu kaschieren? Sympathiepunkte kann nach dieser Strategie unter Umständen sogar konsequentes Eingestehen von Fehlern bringen, wie zum Beispiel den, letzten Sonntag Helmut Käutners Film „In jenen Tagen“ Herrn Staudte zugeschrieben zu haben.

Mehr sein als scheinen, klingt wie ein altmodischer Spruch, aber es ist ganz schön nützlich, sich daran zu halten. So ähnlich wie der Prinz, der zunächst wie ein Frosch daher kam. Die romantischsten Filme handeln von sehr bevorzugten Menschen, die sich in einer Verkleidung unters Volk begeben, um mal zu sehen, wie sie um ihrer selbst willen behandelt und angenommen werden. Audrey Hepburn in „Ein Herz und eine Krone“ gehört zu den schöneren Beispielen.

Ja, oft ist es richtig hilfreich, die Karten nicht gleich alle auf den Tisch zu legen. Das stählt die innere Überlegenheit, macht Spaß und lässt einem Zeit, den anderen einzulullen in dem Gefühl, der Größte zu sein. Ist der Zeitpunkt zum Gegenangriff gekommen, bitte subtil bleiben. Freundlichkeit und gut inszeniertes Understatement treffen sehr viel schneller und sauberer als plumpe Angabe.

Natürlich gibt es auch den dritten Weg. Man passt sich einfach den traurigen Gegebenheiten an und ist gnadenlos ehrlich. Das mag zwar auf Anhieb unoriginell wirken, ist aber sehr entwaffnend. Außerdem entlastet es das Hirn und lässt der Fantasie ihre Kapazitäten. Die kann man ja noch brauchen: um die Gegebenheiten für eine neue Yacht-Kultur zu schaffen.

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