Zeitung Heute : Mit besten Chancen rechnen

Berlin ist einer der stärksten IT-Standorte in Deutschland – auch der größte europäische Software-Hersteller SAP ist daher in der Stadt

Jörg Oberwittler

Wohl nur die wenigsten wissen, dass der erste funktionstüchtige Computer der Welt aus Berlin stammt. Der Erfinder Konrad Zuse konstruierte ihn 1941 in seiner Kreuzberger Wohnung. Auch die ersten höheren Programmiersprachen wurden an Berliner Universitäten entwickelt.

Heute zählt die Region Berlin-Brandenburg mit 4000 IT-Unternehmen zu den wichtigsten Standorten der Informationstechnologie- und Kommunikationsbranche in Deutschland. Bei der Zahl der Unternehmen übertrifft Berlin sogar etablierte IT-Standorte wie München, Frankfurt oder Stuttgart. Jeder zehnte Arbeitsplatz der Branche befindet sich nach Auskunft des Verbandes der Software-, Informations- und Kommunikationsindustrie Berlin-Brandenburg (Sibb) in Berlin. Und laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zählt die IT-Industrie zu einer der zukunftsweisenden Wachstumsbranchen in Berlin.

Wie stark sich die Branche entwickelt hat, zeigt das Beispiel des Softwareriesen SAP. 2004 hat der Aktienkonzern seine Niederlassung an der Rosenthaler Straße in Mitte eröffnet. 12 500 Quadratmeter, sieben Stockwerke, eine geschwungene Glasfassade, die gleichzeitig als Projektionsfläche für Medienkunst-Lichtspiele fungiert. Damit ist die Zweigstelle die zweitgrößte Niederlassung Deutschlands. Derzeit arbeiten bis zu 600 Mitarbeiter unweit der Hackeschen Höfe. Gegenüber den neunziger Jahren hat sich die Zahl der Beschäftigten mehr als verdoppelt, nachdem die Mitarbeiter von den Standorten Reinickendorf, Moabit und Kreuzberg aus zusammengezogen wurden. Obwohl die Unternehmenszentrale weiter in Walldorf in Baden-Württemberg bleiben wird, setzt SAP auf Berlin. Beratungsleiter Joachim Repsch nennt die geografische Lage für Märkte im Osten, die enge Zusammenarbeit mit Universitäten und Schulen sowie die Nähe zu Regierungen und Verbänden als unschlagbare Vorteile. „Zudem darf man auch nicht unterschätzen, dass viele große Unternehmen in Berlin ihre Repräsentanzen haben“, sagt Repsch.

Die Niederlassung verknüpft die verschiedensten Funktionen: Zum einen betreuen Repsch und seine Mannschaft von hier aus lokale Kunden. Hatte SAP noch 1982 nur einen einzigen Kunden in Berlin, sind es mittlerweile 500, die der Konzern mit Software für Buchhaltung, Logistik und Personalwesen versorgt. Hinzu kommen eine Entwicklungsabteilung für neue Programme in der Logistik und Datenbankverwaltung und ein Schulungszentrum für Kunden aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Spannbreite der Auftraggeber reicht vom kleinen Mittelständler bis hin zu Großkunden wie Daimler, Bombardier, den Bundesministerien oder der Charité und Flughäfen.

Neben SAP sind es vor allem die vielen kleinen mittelständischen IT-Betriebe, die Berlin zum Spitzenplatz verhelfen und die den Wirtschaftszweig bundesweit prägen. „Wir haben eine sehr gute Lehr- und Wissenschaftscommunity hier“, sagt Sibb-Vorstandsvorsitzender Ortwin Wohlrab. Trotz sinkender Software-Erlöse hält SAP am Standort Berlin fest. Hatte das Unternehmen zum Jahresbeginn noch verkündet, weltweit 3000 Stellen abzubauen, sei dies inzwischen durch „natürliche Fluktuation“ – frei werdende Stellen bleiben unbesetzt – abgeschlossen, sagt Repsch. Sibb-Vorstand Wohlrab ist sich sicher: In Berlin wird es wieder einen Fachkräftemangel geben. „In Berlin haben wir da einen Vorteil durch die vielen guten Lehreinrichtungen. Das Problem sei, dass viele Berlin nach dem Studium wieder verlassen, weil sie ein lukratives Angebot in einer anderen Stadt bekommen.“ Diese Arbeitskräfte gelte es zu halten. Die Zeit der Blasen und des Internethypes sei vorbei, die Branche endgültig in der Realität mit einem soliden Wachstum im E-Commerce angekommen.

www.sap.com

Berlin hat als Standort aufgrund seiner geografischen Lage für Märkte im Osten unschlagbare Vorteile. Zudem darf man

nicht unterschätzen, dass viele große Unternehmen in Berlin ihre

Repräsentanzen haben.“

Joachim Repsch, Beratungsleiter SAP Berlin

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