Zeitung Heute : Mit blauem Auge

„Irene“ hat die Ostküste in den Ausnahmezustand versetzt. Was hat der Wirbelsturm angerichtet?

Abgang. „Irene“ zieht an der US-Ostküste nach Norden und schwächt sich dabei weiter ab (ganz oben). Die U-Bahn-Station Times Square in New York ist geschlossen und verwaist – ein seltenes Bild. Der Wirbelsturm hat die amerikanische Flagge auf dem Capitol in Arlington, Virginia, in Fetzen gerissen. Fotos: dpa, AFP (2)
Abgang. „Irene“ zieht an der US-Ostküste nach Norden und schwächt sich dabei weiter ab (ganz oben). Die U-Bahn-Station Times...Foto: AFP

Von seinen Ausmaßen her war der Hurrikan „Irene“ gigantisch. Seine Auswirkungen hingegen waren glücklicherweise eher gering. Als der Wirbelsturm auf seinem Weg entlang der US-Ostküste am Sonntag New York erreichte, wurde er zum Tropensturm herabgestuft. Experten schätzten die Gesamtschadenshöhe auf fünf bis zehn Milliarden Dollar (3,6 bis 7,3 Milliarden Euro). Die Behörden hatten die Bevölkerung mit einem intensiven Krisenmanagement auf die Gefahren vorbereitet. Möglicherweise hielten sich die Schäden auch deshalb in Grenzen. Aber vor allem in den Blogs kursierten bereits am Sonntag heftige Debatten darüber, ob die Vorwarnungen überzogen waren und Panikmache betrieben worden sei. Die Behörden wiesen dies zurück – die Vorbereitungen seien notwendig und angemessen gewesen. Nachdem vor sechs Jahren beim Hurrikan „Katrina“ in New Orleans und anderen Städten an der Südküste 1500 Menschen gestorben waren und gravierendes Versagen der Behörden festgestellt worden war, ist es nicht verwunderlich, dass die Politiker nun überaus sensibel reagierten – und vielleicht auch überreagierten.

Wie hat Präsident Obama auf die Hurrikan-Gefahr reagiert?

Ein Hurrikan und seine Folgen können über eine Präsidentschaft entscheiden. George W. Buhs Passivität während des Wirbelsturms „Katrina“ gilt als ein Tiefpunkt seiner Regierungsjahre. Bush hatte die Entwicklung von seiner Ranch in Texas aus verfolgt. Er wolle die Katastrophenschützer in Ruhe ihre Vorkehrungen treffen lassen, hatte er damals gesagt. Ein Besuch des Präsidenten an ihren Einsatzorten lenke sie ab und nehme ihnen Zeit, die sie besser für die Gefahrenabwehr und Evakuierung bedrohter Gebiete einsetzen. Öffentlich wurde Bushs Zurückhaltung jedoch als fehlende Anteilnahme verstanden. Als er einige Tage später an die Küste flog und mit Angehörigen von Opfern sprach, änderte das nichts mehr am Urteil über ihn.

Barack Obama hat diese Erfahrung vor Augen. Als sich Hurrikan „Irene“ näherte, beendete er den Urlaub mit seiner Familie auf der Atlantikinsel Martha’s Vineyard am Freitag vorzeitig und flog nach Washington. Am Samstag besuchte er das Hauptquartier der Katastrophenschutzbehörde Fema. Über das Wochenende verschickte das Weiße Haus alle paar Stunden E-Mails an die Korrespondenten mit Hinweisen, auf welche Weise sich Obama in die Vorbereitungen zur Gefahrenabwehr einschalte, zum Beispiel durch eine Telefonkonferenz mit Vizepräsident Joe Biden, der Ministerin für Heimatschutz, Janet Napolitano, und dem Sicherheitsberater für Terrorismus und Katastrophenfälle, John Brennan. Die Bilder vom Sonnabend zeigen Obama als Präsidenten, der den Oberbefehl über das Krisenmanagement übernimmt: „Vor uns liegen entscheidende 72 Stunden“, verkündete er mit ernster Miene. Am späten Sonntagnachmittag wollte Obama im Rosengarten des Weißen Hauses ein Statement zur Lage abgeben.

Nahe Washington wurde ein Atomkraftwerk vom Netz genommen. Ging Gefahr von dem Vorfall aus?

Das Atomkraftwerk in Calvert Cliff in Maryland wurde in der Nacht zu Sonntag vom Netz genommen, nachdem sich eine Platte der Aluminiumverkleidung eines Gebäudes gelöst hatte und gegen das Transformatorengebäude geschlagen war. Die Trennung vom Netz sei automatisch erfolgt, so wie es vorgesehen sei, gab der Betreiber bekannt. Die Reaktoren seien nicht abgeschaltet, sondern arbeiteten weiter. Der Vorfall gehöre in die unterste Kategorie der vierstufigen Skala von Unregelmäßigkeiten. Es habe keine Verletzten gegeben, und es gehe keine Gefahr von dem Kraftwerk aus. Washington selbst kam bei dem Hurrikan glimpflich davon. Die Schäden waren gering, Flughäfen und Bahnhöfe blieben geöffnet.

Welche Auswirkungen hatte „Irene“ auf den Flugverkehr?

Der Hurrikan hat den Reiseverkehr an der gesamten Ostküste der USA unterbrochen. Mehr als 10 000 Flüge wurden gestrichen, der Bahnverkehr im Bereich der Trasse des Wirbelsturms wurde gestoppt. Mehrere Brücken und Tunnel waren wegen starker Winde und Überflutungsgefahr gesperrt. Es wird Tage dauern, bis der normale Flug- und Fahrplan wieder eingehalten werden kann. Es genügt nicht, dass die Wetterbedingungen wieder sichere Starts und Landungen erlauben – was im Großraum Washington bereits am Sonntag wieder gegeben war. Die Flugzeuge, die nach den regulären Plänen die drei Airports der Region – Dulles International, Reagan National und Baltimore Washington International – bedienen, wurden außerhalb des Sturmgebiets gebracht, um sie vor Beschädigungen zu schützen. Sie müssen erst wieder in die normalen Routenpläne eingefädelt werden. Dieses komplizierte System soll eine optimale Auslastung der einzelnen Maschinen garantieren. Viele Passagiere, die Inlandsflüge ab Washington und Baltimore für Montag gebucht hatten, erhielten die Nachricht, dass die Starts gecancelt seien.

In Deutschland annullierte die Lufthansa knapp 20 Flüge nach New York, Boston und Philadelphia. Fluggäste konnten kostenlos umbuchen oder stornieren. Auch Air Berlin sowie US-Fluggesellschaften sagten am Wochenende Flüge nach New York ab. Am stärksten betroffen war der Flughafen Frankfurt am Main, wo am Samstag sechs und am Sonntag zwölf Passagierflüge abgesagt wurden. In Berlin wurden am Sonntag insgesamt drei Flüge in die USA gestrichen. An diesem Montag soll der Flugbetrieb bereits wieder normal laufen.

Warum konnte der Hurrikan eine solche extreme Größe annehmen?

Der tropische Wirbelsturm überdeckt an der nordamerikanischen Atlantikküste inzwischen eine Fläche von der Größe Europas. „Er war einfach zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle“, sagt Ansgar Engel vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach: Im Sommer heizt die Sonne das Atlantikwasser nördlich des Äquators kräftig auf, das im August seine höchsten Temperaturen erreicht. Der warme Ozean verdampft jede Menge Wasser, feuchte Luft steigt nach oben und liefert viel Energie. Erst bilden sich Wolken und Gewitter, ein tropisches Tief entsteht. Tragen die Strömungen in höheren Etagen der Atmosphäre diese Zelle weiter, erreicht sie andere Meeresregionen mit warmem Wasser, die immer mehr Wasserdampf und Energie in die Luft schaufeln, ein ausgewachsener Hurrikan entsteht.

Die Luftströme trugen das tropische Tief, aus dem später Hurrikan „Irene“ wurde, irgendwo von der Atlantikküste Afrikas Richtung Amerika und lenkten ihn später über die Bahamas nach Norden. „Derzeit reicht eine Blase mit sehr warmem Wasser weit nach Norden, selbst am 40. Breitengrad ist der Atlantik noch 28 Grad Celsius warm“, sagt der Physiker. Erreicht der Wirbelsturm aber Land oder Regionen mit kühlerem Wasser, fällt der Nachlader aus, und dem Hurrikan geht schnell die Puste aus. Oberhalb des 40. Breitengrades sackt die Wassertemperatur des Atlantiks fast schlagartig auf 21 oder 22 Grad und degradiert „Irene“ bald zu einem Sturmtief. Das wird über den Atlantik weiter Richtung Europa ziehen. Dort aber kommt ein Hurrikan allenfalls noch mit kräftigen Winden und Regen an.

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