Zeitung Heute : Mit dem Ein-Mann-Betrieb den Weltmarkt erobern

TAGESSPIEGEL: Was fällt Ihnen zum Schlagwort Globalisierung ein?

SCHULTE-NOELLE: Ich bin überzeugt, daß die Globalisierung vor allem eine große Chance ist: Sie bietet den sich entwickelnden Ländern zunehmende Möglichkeiten zur Teilhabe an der Weltwirtschaft und damit auch zu Wachstum und Wohlstand.Die Globalisierung ist kein Nullsummenspiel, denn der wirtschaftliche und wissenschaftliche Austausch zwischen Nationen hat bisher noch immer die Wohlfahrt aller Beteiligten erhöht.Das erleben wir als Konsumenten täglich, wenn Produkte - wie beispielsweise der Computer - immer leistungsfähiger und preisgünstiger werden, weil sie im globalen Wettbewerb produziert werden.Zwar führt der Konkurrenzdruck in einigen Branchen zum Verlust von Arbeitsplätzen.Aber auf diese Weise werden Ressourcen gespart, die in die Entwicklung neuerer Technologien investiert werden können.Damit entstehen zukunftsfähigere Arbeitsplätze.Glücklicherweise ist es der europäischen Versicherungswirtschaft 1997 gelungen, 2,8 Prozent mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

TAGESSPIEGEL: Die Welt hat einen relativ reichen Speckgürtel, die OECD-Länder mit einem Viertel der Erdbevölkerung (ca.1,5 Mrd Menschen), aber 4/5 Anteilen am Weltwohlstandskuchen.Und trotzdem haben wir Ängste vor der Konkurrenz der armen Länder, in denen die Löhne noch enorm niedrig sind.Ist das gerechtfertigt?

SCHULTE-NOELLE: Nein, sicherlich nicht.Wir haben aber gesehen, daß viele vormals arme Länder, die eine vernünftige marktwirtschaftliche Politik betrieben haben, inzwischen enorm aufholen konnten.Immer mehr Länder müssen diesen Weg einschlagen, je nach Situation schrittweise oder auch etwas mutiger, wo es schon möglich ist.Entsprechend dürfen wir unsere Märkte nicht abschotten.Das Gleiche gilt natürlich auch für sich entwickelnde Länder.Wenn sie sich für ausländische Unternehmen öffnen, so importieren sie gleichzeitig Technologie, Know-how und Stabilität.Das kommt ihrer gesamten Volkswirtschaft zugute.

TAGESSPIEGEL: Gilt das auch für den Finanzdienstleistungsbereich?

SCHULTE-NOELLE: Für die Versicherungen gilt das besonders.Die Allianz ist heute in 68 Ländern vertreten.Dort bieten wir nicht nur ein Mehr an Solidität und Sicherheit für unsere Kunden.Wir verbreiten als Branchenführer auch das Wissen und die Erfahrung aus Schadenforschung und Risk Management.Darüber hinaus schaffen wir moderne Arbeitsplätze, und nicht zuletzt zahlen wir auch dort unsere Steuern, wie in Deutschland.In allen Ländern verstehen wir uns als "corporate citizen", als unternehmerischer Staatsbürger, der sich der jeweiligen Gesellschaft verpflichtet fühlt und von dieser auch kontrolliert wird.

TAGESSPIEGEL: Reisen wir 20 Jahre auf der Zeitachse nach vorne.Wie sieht die globale Wirtschaft in Ihren Augen dann aus?

SCHULTE-NOELLE: Niemand weiß Genaueres, aber einiges läßt sich schon voraussagen: Der Großteil der Gesellschaft in den Industrieländern wird aus älteren Menschen bestehen.Das Vorsorgesparen in diesen Ländern wird bis dahin zu einer Kapitalakkumulation noch nie gekannten Ausmaßes führen.Das bedeutet mehr Liquidität und viel Phantasie für die Finanzmärkte.Länder, die günstige Rahmenbedingungen schaffen, haben enorme Chancen, sich zinsgünstiges Kapital für Zukunftsinvestitionen zu verschaffen.deshalb ist es so wichtig, daß die Politik auch bei uns die Zeichen der Zeit erkennt und vorausschauend handelt.

TAGESSPIEGEL: Sehen Sie weitere grundlegende Veränderungen in 20 Jahren?

SCHULTE-NOELLE: Dienstleistungen jeder Art werden an Bedeutung zunehmen.Aber auch die Industrie wird mit technischen Innovationen und Weiterentwicklungen aufwarten, von denen wir uns heute keine Vorstellung machen können.Die Informations- und Kommunikationstechnologie wird unser Leben weiter dramatisch verändern.Die Strukturen in der Wirtschaft bleiben einem ständigen Anpassungsprozeß unterworfen.

TAGESSPIEGEL: Wird es mehr Family shops geben als Multis?

SCHULTE-NOELLE: Die Definitionen werden sich immer mehr vermischen.Ich könnte mir einerseits familiäre Konglomerate vorstellen, andererseits lose Verbünde aus einzelnen Entrepreneuren.Großunternehmen werden eher Netzwerken gleichen, mit gleichberechtigten Gateways und Knotenpunkten, nicht mehr so hierarchisch wie heutzutage.Es wird viel mehr Ein-Personen-Firmen geben.Unternehmerische Energien können somit besser genutzt werden.

TAGESSPIEGEL: Wie wird sich die Allianz verändern?

SCHULTE-NOELLE: Wir werden mehr Problemlösungen und Lebenshilfe anbieten als die traditionelle Schadenregulierung über Scheck.Bei einem Wasserrohrbruch wird der Kunde nur eine Servicenummer anrufen, und wir schicken ihm sofort Klempner, Tapezierer und Parkettverleger.Während er auf unsere Kosten im Caféhaus einen Cappuccino trinkt, ist seine Wohnung wieder hergerichtet und er braucht sich um nichts weiter zu kümmern.

TAGESSPIEGEL: Der Butler für Jedermann?

SCHULTE-NOELLE: Das wertvollste Gut wird immer mehr die Zeit.Zeit für uns selbst, Zeit, um unsere Arbeit zu erledigen, Zeit für Familie und Freunde.Es wird der Versicherer am erfolgreichsten, der seinen Kunden die meiste Zeit freihält von finanziellen Problemen, ob es um seine Gesundheit geht, seine Altersversorgung, seine Mobilität.Der Kunde soll sich auf das konzentrieren, was wichtig ist: Familie, Job, Freizeit, Gesundheit, Erholung.Wir müssen uns um die Dienstleistung der Absicherung, der Sicherheit kümmern.Das hat auch den positiven Nebeneffekt, daß sich dadurch viele freie Unternehmer mit uns vernetzen und ihren Unterhalt sichern.

TAGESSPIEGEL: Welches sind die neuen Märkte?

SCHULTE-NOELLE: Die wichtigsten neuen Märkte sind sicherlich in Asien.China wird die aufstrebende Wirtschaftsmacht des kommenden Jahrhunderts.Indien verfügt, trotz des dramatischen Unterschieds zwischen Arm und Reich, über ein hervorragendes Bildungssystem.Es könnte eine weitere Wirtschaftsmacht werden.Auch mit Rußland, von der Natur mit großen Schätzen beschenkt, wird wieder zu rechnen sein.

TAGESSPIEGEL: ...und die "global player"?

SCHULTE-NOELLE: Zusätzlich zu den weltumspannenden Großunternehmen werden auch immer mehr mittelständische Firmen, auch, Ein-Mann-Betriebe, die Chancen der Globalisierung nutzen.Sie können heute schon Quittenbrot in Westfalen herstellen und über Internet weltweit vermarkten.Im Dienstleistungsbereich wird es noch einfacher.Neulich hörte ich von einem Journalisten, der die Rallye Paris-Dakar übers Internet verfolgt hat und aus Ebersberg in Bayern kommentiert hat...

TAGESSPIEGEL: Gibt es eine Vision, wie sich die globale Allianz intern strukturieren und organisieren wird?

SCHULTE-NOELLE: Einer der Gründe für unseren bisherigen Erfolg war: Konsequente Dezentralisierung, ultraschlanke zentrale Verwaltung.In München arbeiten nur rund 400 Menschen in Holdingfunktionen für ein Unternehmen mit fast 100 Milliarden DM Umsatz und 105.000 Mitarbeitern.Dies erhält uns Flexibilität, Agilität, Motivation.Diese Trümpfe müssen wir eher noch verstärken.

TAGESSPIEGEL: Es ist viel die Rede von einer neuen globalen Finanzarchitektur.Was sollte man, was könnte man verbessern?

SCHULTE-NOELLE: Um es vorweg zu sagen: Ich glaube nicht, daß die Politik über Instrumentarien verfügen kann, um Risiken und Krisen, wie letztes Jahr in Asien, völlig auszuschließen.Alle praktischen Erfahrungen zeigen, daß sich die Entwicklung freier Marktteilnehmer schon frühzeitig auf mögliche Krisen einstellen können.Deshalb plädiere ich für den Auf- und Ausbau zuverlässiger Kontroll- und Informationssysteme, die für alle Beteiligten mehr und früher Transparenz schaffen.Insbesondere sollten wir künftig auch darauf achten, daß der Informationsfluß zwischen privaten und staatlichen Stellen auf internationaler Ebene funktioniert.Ich kann mir vorstellen, daß dazu regelmäßige Treffen staatlicher und privater Akteure im Rahmen der G-7 einen sinnvollen Beitrag leisten könnten.

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