Zeitung Heute : Mit dem Gegner auf dem Klo

Der Tagesspiegel

Martín E. Hiller über Big Brother in der Bundesliga

Es ist der klassische Fußballspruch der Post-Herberger-Ära: „Wenn der aufs Klo geht, gehst du mit!“ Welchem Kreisklassenkicker wurde noch nicht auf diese Weise von seinem Trainer ans Herz gelegt, dem Gegenspieler nur ja in keinem Moment des Spiels von der Seite zu rücken. In Zeiten des Reality-Fernsehens, das ob seiner bis an die Schmerzgrenze gekünstelten Shows diesen Namen gleich überhaupt nicht verdient, bekommt der Satz eine völlig neue Bedeutung. Die Produktionsgesellschaft Endemol, die das deutsche Fernsehen einst mit Big Brother segnete, plant eine Fußballshow, bei der wir Fans unsere Lieblingsspieler überallhin begleiten dürfen. Bis dieses Überallhin sich auch auf die Nasszelle erstreckt, ist es nur noch eine Frage der Zeit.

Die eigentlich Frage aber lautet: Wollen wir die Spieler tatsächlich bei allem beobachten, was sie tun? Wollen wir jeden Tag der Woche vier Stunden damit zubringen, Hans-Jörg Butt beim Trainieren von Elfmetern zuzuschauen? Wollen wir nichts anderes erleben, als Jens Jeremies beim Anlegen seiner Trainingskluft? Bringt es uns um den Schlaf, nicht zu wissen, ob sich in Mario Baslers Garderobenschrank alte und neue Zigarettenpäckchen stapeln? Als ob uns die erstaunlich uninteressanten Gruppenspiele der Champions League nicht schon genug zum Abschalten animieren würden – sei es in der Tat oder nur im Geiste. Vielleicht freuen wir uns aber auch darauf, über die Tele-Abstimmung die Mannschaftsaufstellung unseres Lokalrivalen zu verhunzen. Werden die sich wundern, wenn ihr 120-Millionen-Brasilianer plötzlich kein Saisonspiel mehr macht! Die Anhänger des Grand Prix de la Chanson haben den Trick ja schon vorgemacht, als sie scharenweise nach Holland fuhren, um von dort aus per Handy für Deutschlands Guildo Horn zu stimmen.

Wenn es einmal so weit kommt, hast du es geschafft, Fernsehen. Dann treiben wir uns nur noch selbst auf dem Bolzplatz herum, bekommen live unsere eigenen Mannschaftsbesprechungen mit und weichen unserem Gegenspieler nicht von der Seite – es sei denn, er geht tatsächlich auf die Toilette. So viel Anstand wollen wir uns bewahren.

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