• Mit dem Herzen sehen Die Menschen gehören zu einer Minderheit. Sie sind Weltmeister Bei der Weltpremiere gab es Szenenapplaus und Standing Ovations

Zeitung Heute : Mit dem Herzen sehen Die Menschen gehören zu einer Minderheit. Sie sind Weltmeister Bei der Weltpremiere gab es Szenenapplaus und Standing Ovations

Die Paralympics-Dokumentation „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ erlebt bei der Berlinale eine begeisternde Premiere. Der emotionale Film erzählt die Geschichte dreier bewegender Lebensläufe.

ANNETTE KÖGEL
Blaue Wand, auf dem Berlinale-Teppich. Kurt Fearnley (l.), Rennrollstuhlfahrer, Henry Wanyoike und Joseph Kibunja (h.), Marathonläufer, und Schwimmerin Kirsten Bruhn im Blitzlichtgewitter der Filmfestspiele. Und beste Freunde: das Produzententeam Andreas F. Schneider (l.) und Hendrik Flügge.
Blaue Wand, auf dem Berlinale-Teppich. Kurt Fearnley (l.), Rennrollstuhlfahrer, Henry Wanyoike und Joseph Kibunja (h.),...

Immer wieder brandet im ausverkauften Saal Szenenapplaus auf. Und es gibt Standing Ovations, minutenlang. Auch Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt sind begeistert. „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ erlebt bei der Berlinale-Welturaufführung eindeutige Sympathiebekundungen. Der Film zeigt den Lebensweg dreier Paralympics-Athleten und hinterläßt bei seinen Zuschauern Eindruck.

Dies ist nicht zuletzt der Kamera von Marcus Winterbauer zu verdanken: Sie lässt den Betrachter den Fahrtwind mitfühlen, wenn der australische Rennrollstuhlfahrer Kurt Fearnley auf der Landstraße dicht neben Trucks den Hügel hinunterrast. An der Seite des kenianischen Marathonläuferduos mit dem blinden Henry Wanyoike und seinem Guide Joseph Kibunja geht es über Stock und Stein an Büffeln und Giraffen vorbei. Man hört der deutschen Schwimmerin Kirsten Bruhn ergriffen zu, wenn sie sich in ihrem heutigen Leben als Leistungssportlerin darüber ärgert, dass sie bei dem Motorradunfall 1991 in Griechenland so gar keine Körperspannung hatte.

Die Protagonisten des Films sind Persönlichkeiten, Typen und Kämpfer. Und ihre Lebenserfahrung ist wertvoll – gerade für andere Menschen. Die Botschaft: Es gibt ein Leben nach einer persönlichen Katastrophe, nach einem Schicksalsschlag, und Sport ist ein wichtiges Element der Rehabilitation.

„Gold“ ist ein sehr emotionaler Film. Die 106-minütige filmische Reise erweitert den Horizont, sowohl bei behinderten als auch bei nichtbehinderten Menschen. Die Produktion der Parapictures Film Production GmbH erzählt die bewegenden Lebensläufe von außergewöhnlichen Menschen und Spitzensportlern – von der Geburt bis zu einem Karrierehöhepunkt, den Paralympics in London 2012. Drehbuchautor Andreas F. Schneider und Mitproduzent Hendrik Flügge wollten „etwas erzählen, was jeder – auch jemand, der eigentlich nichts über den Sport von Menschen mit Handicap weiß – in seiner Bedeutung und Leistung versteht“. Den Film sieht man mit dem Herzen, so, wie es der nach einem Schlaganfall plötzlich erblindete Henry Wanyoike von sich sagt. „Als ich blind wurde, war ich nicht mehr ich selbst, hatte Depressionen.“ Heute strahlt seine Mutter, „als wäre ein Wunder geschehen“.

Die Idee, diese Emotionen auf die Leinwand zu bringen, kam von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), dem Spitzenverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften und Unfallkassen mit mehr als 70 Millionen Versicherten in Deutschland. Die DGUV hat „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ durch ihre Förderung erst ermöglicht. „Ich hatte die Idee zu dem Film 2009, während einer Autofahrt nach sehr bewegenden Gesprächen mit Paralympics-Sportlern. Im Auto habe ich einen fantastischen Titel von Stevie Wonder gehört, und da wurde mir irgendwie klar, wir müssen etwas Neues machen, um die Menschen zu berühren, einen Film, der mitreißt, und so das unglaubliche Potenzial, das in Themen wie Rehabilitation und Behindertensport steckt, viel wirkungsvoller darstellen als alles bisher Dagewesene“, erinnert sich Gregor Doepke, DGUV-Kommunikationsleiter und „Vater“ des Films.

Auch über den Ort für die große Feier zum Kinostart in Deutschland am 28. Februar hat man sich Gedanken gemacht. Sie fand zwei Tage zuvor im Flughafenhangar von „Gold“-Unterstützer Lufthansa auf dem Hamburger Flughafen statt. Die DGUV lud bewusst an einen Ort, an dem möglichst viele Rollstuhlfahrer kommen können.

Barrierefreiheit war auch ein Thema bei der Premiere auf der Berlinale am 15. Februar: „Da muss noch eine Menge passieren. Wir haben hier für die Premiere einfach selbst spontan Hand angelegt und umgebaut“, sagte Berlinale-Chef Dieter Kosslick.

Inklusion – dieses Ziel ist leider noch nicht erreicht, auch das ist eine Botschaft des Films. Kurt Fearnley aber weiß, was es heißt, Hindernisse zu überwinden: Er klettert wegen der seit der Geburt fehlenden Beine einfach auf seinen starken Armen über Stacheldrahtzäune und platscht durch Bäche. Über seinen Sport sagt er glücklich: „Ich bin einfach der Typ, der in einen Rennrollstuhl passt.“ Da fühlt er sich „perfekt“. Die größte Angst aber sei, „dass sich mir andere Dinge in den Weg stellen, wenn einem gesagt wird, hier kommst du nicht rein, obwohl ich mein ganzes Leben danach ausgerichtet habe, selbstständig zu sein“. Die Protagonisten zeigen, wie man trotz Behinderung nicht behindert ist. „Kurt gehört zu einer Minderheit. Er ist Weltmeister“, lautet ein „Gold“-Slogan.

„Ich finde die Botschaft des Films sehr ermutigend, sie ist motivierend für alle Menschen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man eine Behinderung hat oder nicht. Es geht darum, welche besonderen Fähigkeiten wir entwickeln müssen, um unser Leben möglichst gut zu meistern“, sagt DGUV-Vorstandsvorsitzende Marina Schröder. Dabei hilft, so formuliert es Vorstandskollege Dr. Hans-Joachim Wolff, „die Kraft des Sports“. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und UN-Sonderbotschafter für den Sport Willi Lemke sind Schirmherren des Filmprojekts. Es soll Sondervorführungen unter anderem für Bundestagsabgeordnete, für Behindertensportler und für Schulen geben.

Grimme-Preisträger Michael Hammon hat als Regisseur viele intime Momente eingefangen: zum Beispiel wie Kurts Vater die Tränen kommen, als er sich an die ersten Momente nach der Geburt erinnert. Heute zeigen die Eltern stolz Sammelalben mit Erfolgsberichten. Henry Wanyoike bekam Hilfe von Boris Becker dabei, Kühe für die Leute in seinem Dorf Kikuyu anzuschaffen. Heute veranstalten Henry und sein Begleitläufer Joseph landesweit Charitys. Er ist so selbstständig, dass andere Blinde denken, er könne sehen. „Wichtig ist, eine Vision zu haben“, sagt Wanyoike – und sie zu leben. Dann kommt die Liebe von ganz allein. Wie in der Szene, als Kurt Fearnleys Frau Sheridan in die Garage stürmt: Sie braucht einen Schraubendreher. Er schiebt seine Räder weiter an, sie sirren, er kann jetzt nicht, er schwitzt. „Schatz, du stinkst“, sagt sie mit so einem Ausdruck, wie es nur liebende Frauen können. „Mein Mann kann nicht so gut laufen“, kokettiert sie, beide lachen. „Ich habe meinen Mann zum Invaliden gemacht“, prustet sie. Alle im Kino lachen herzlich. Es sind solche Szenen, die „Gold“ äußerst sehenswert machen.

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