Zeitung Heute : Mit dem Kind im Speisewagen

Von Tanja Stelzer

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Neulich bin ich mit Noah Zug gefahren, KleinkindAbteil. Trotz des Namens zeichnet sich ein Kleinkind-Abteil nicht etwa dadurch aus, dass es mehr Platz gäbe, vielleicht für einen Kinderwagen. Ein Kleinkind-Abteil hat auch keinen Schlafplatz fürs Kind, und es befindet sich keineswegs in der Nähe eines jener harten Wickeltische, die sich gut als Accessoires einer Fakir-Show eignen würden. Mit einem Ticket fürs Kleinkindabteil kauft man bloß ein Gefühl: Zu Recht an diesem Ort zu sein, an dem schon Hunderte anderer Kleinkinder ihre Krümel auf dem Boden verteilt und ihren Apfelsaft auf die Polster geträufelt haben. Es ist eine Art moderner Ablasshandel: Wir zahlen, damit wir kein schlechtes Gewissen haben, andere Fahrgäste zu belästigen.

Neulich also im Kleinkind-Abteil. Ich war ganz allein mit Noah. Er hatte den Inhalt seines Spielzeugkoffers auf dem Fußboden ausgebreitet und versuchte zu ergründen, ob die Teile seines Holzpuzzles zu den Flecken auf dem Teppich passten. Dann stieg eine Frau ohne Kind zu, in der Hand einen Reservierungsschein, auf den Lippen die Frage: „Ach, das ist ein Kleinkindabteil?“ Es klang, als hätte sie sich erkundigt, ob dies die Lepra-Station sei. Sie habe Platz 84 gebucht, sagte sie, watete durchs Spielzeug und setzte sich ans Fenster. Noah hatte ein Faible für die fremde Dame und beschenkte sie mit Bananenstückchen. Sie schaute dann noch einmal auf ihren Reservierungsschein, stellte fest, dass sie sich im Wagen geirrt hatte und verließ uns mit einem gehauchten: „Viel Spaß dann noch.“

Im Grunde ist ja das ganze Leben eine Bahnfahrt. Wer Kinder hat, sitzt im Kleinkindabteil. Ab und zu gehen vor der gläsernen Abteiltür andere Leute vorbei, und man erhascht einen Blick auf ein anderes Leben, das man mal kannte oder das man kennen gelernt hätte, wenn man sich anders entschieden hätte.

Auf meiner Zugfahrt habe ich mich einmal aus dem Kleinkindabteil gewagt. Ich ging mit Noah in den Speisewagen. Es gab nur noch Platz an einem Tisch, an dem sich zwei Jungmanager niedergelassen hatten, zwischen klirrenden Gläsern je ein Communicator und ein unangetasteter Teller mit zwei Baguette-Scheiben und einem Klecks Kräuter-Frischkäse. Unsere Ofenkartoffel ließ auf sich warten, und Noah zerrte an der Tischdecke, um an den Frischkäse zu kommen. Man wird als Mutter mit einem quengelnden Kind ein wenig schamlos, also fragte ich: „Äh, essen Sie Ihr Baguette nicht mehr?“ Die Jungmanager schoben die Teller mit unbewegter Miene herüber. Einer von ihnen rief später seine Sekretärin an: Sein Portemonnaie sei weg, ob sie mal gucken könne; es habe kein Kleingeldfach, nur eines für Scheine. Einen Moment lang waren der Manager ohne Portemonnaie und ich unaufmerksam, und Noah betrachtete sich seinen Communicator näher. Später rätselte der Manager, warum im Communicator ein Termin fehlte. Als die Ofenkartoffel endlich kam, war Noah müde und mochte nicht mehr essen. Die Rechnung brachte die Bedienung dann sehr schnell.

P.S.: Liebe Manager ohne Portemonnaie, bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ein paar Wochen zuvor war ich auf Dienstreise, auch mit der Bahn, ohne Kind. Ich hatte ein leeres Abteil, bis eine Mutter mit zwei verheulten Kindern kam. Ich hatte das Schild „Kleinkindabteil“ übersehen. Ich suchte mir schnell einen anderen Platz.

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