Zeitung Heute : Mit dem Kopf durch die Mitte

Der Tagesspiegel

Volker Liepelt glaubt fest daran. „Ich kann diesen Wahlkreis gewinnen“. Der Wahlkreis ist Berlin-Mitte, die Hochburg von Sozialdemokraten und Sozialisten - und ohne seinen Glauben wäre der CDU-Politiker, den seine Partei vor vier Tagen zum Direktkandidaten bestimmt hat, auch recht allein. Volker Liepelt springt für Eberhard Diepgen ein, der seine Kandidatur vor wenigen Wochen gemeinsam mit dem Landesvorsitz der Union aufgegeben hat. Am Tag genau ein halbes Jahr vor den Wahlen zum Bundestag, erläutert nun Liepelt in einem Café am Brandenburger Tor, wie er, der kurzfristig nachnominierte Bewerber, den beschwerlichen Kampf um die Mitte Berlins gewinnen will. Sein Blick schweift immer wieder sehnsüchtig zum nahe gelegenen Reichstag.

Doch mit Glauben allein, das weiß auch Liepelt, wird er an den Direktkandidaten der linken Parteien nicht vorbeiziehen. Für die PDS kandidiert hier der PDS-Landesvorsitzende Stefan Liebich, der über das Milieu der PDS hinaus als Sympathieträger gilt. Und bei der SPD trifft Liepelt auf Jörg-Otto Spiller, der im Westteil des Wahlkreises mit guter Zustimmung rechnen kann. Der bisherige Landespolitiker Liepelt setzt auf eine Mischung von allgemeinem bundespolitischen Aufwind für die Union, auf eine Abstrafung des rot-roten Senats in Berlin und seiner persönlichen Verankerung im Metropolenbezirk.

„Wer in Mitte 33 Prozent überschreitet, der holt den Wahlkreis“, wagt der CDU-Kandidat eine Prognose. Dass er derjenige sein könnte, dem das gelingt, ist nicht das Wahrscheinlichste. Aber gewisse Chancen sieht Liepelt dennoch. „Wenn wir 60 Prozent unserer Verluste der Berlin-Wahl wettmachen und außerdem der SPD 60 Prozent ihrer Gewinne abnehmen“, rechnet er, „dann ziehen wir an den Sozialdemokraten vorbei“. Das ehrgeizig gesteckte Ziel könne man erreichen, wenn der Union zum einen die eigenen Anhänger – nach dem schlechten Jahr – wieder Vertrauen schenken. Zum anderen hofft die CDU in Mitte auf Stimmen derjenigen, die bei der Berlin-Wahl bei den Liberalen ihr Kreuz gemacht haben. Wähler, die vom Auftritt der Liberalen im Abgeordnetenhaus enttäuscht wurden. „Wir werden den Wahlkreis Mitte nur gewinnen, wenn wir die Bundestagswahl gewinnen“, weiß Liepelt dabei. „Aber wir werden die Bundestagswahl nur gewinnen, wenn wir einen Wahlkreis wie Mitte gewinnen.“

Der Wirtschaftspolitiker Liepelt, zuletzt Staatssekretär in der Wirtschaftsverwaltung, will im Bundestag in den Wirtschaftsausschuss. Wirtschaft, Entwicklung der Quartiere und die Sicherheit im Kiez - mit diesen Themen will er in den Wahlkampf ziehen. Weil „am 22. September auch die Menschen abstimmen, die vor Ort durch die Bäderschließungen betroffen sind“ und „der Gemüsehändler am Zionskirchplatz“.

Für Liepelt geht es ums Ganze. Auf der Landesliste ist er als nachnominierter Kandidat nicht gesetzt. Entweder er schafft es selbst oder er schafft es nicht. Und die berufliche Neuorientierung nach seiner aktiven Zeit im Senat setzt er nun noch weiter aus – mindestens bis zum Wahltag. Barbara Junge

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben