Zeitung Heute : Mit dem Nachwuchs Geld verdienen

Mütter mit Unternehmergeist entdecken eine neue Marktnische: selbstständig mit Dienstleistungen rund ums Kind

Regina–C. Henkel

Henriette Rieffel hat rund um die Uhr mit Kindern zu tun. Nicht nur, weil sie selbst vier davon hat. Die 33-Jährige ist selbstständige Musikpädagogin und unterrichtet Knirpse zwischen anderthalb und sechs Jahren – in Musikschulen und Kindergärten. Außerdem arbeitet sie im Therapiezentrum eines Kinderarztes mit kleinen Patienten und mischt bei Veranstaltungen des „Klingenden Museums“ mit. Nun möchte Rieffel noch ihre Diplomarbeit fertig schreiben. Um auch diesen Punkt auf ihrer umfangreichen To-do-Liste unterbringen zu können, wird sie sich einen Raum im Keller ihres Hauses einrichten, in dem Kinder nach Herzenslust auf afrikanische Trommeln einschlagen, Xylophone traktieren und in Blockflöten blasen.

Eine Powerfrau – und keinesfalls die einzige in Berlin und Umgebung. Davon, dass die Arbeitslosenquote mit 16,2 Prozent „weiter auf hohem Niveau stagniert“, wie es die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt des Landesarbeitsamtes formuliert, lassen sich Powerfrauen wie Henriette Rieffel nicht entmutigen. Sie und andere Mütter – und auch Väter – haben sich einfach selbstständig gemacht: mit Dienstleistungen rund ums Kind.

Berlin bietet für eine Unternehmerkarriere in Sachen Familienservices beste Bedingungen. In einer Metropole mit 3,4 Millionen Einwohnern, in der Kinder nicht einfach zum Spielen auf die Straße geschickt werden können, die Schulen keinen wirklich guten Ruf haben und fast jedes achte Kind mit nur einem Elternteil aufwächst, punktet fast jedes Angebot. Wollen Eltern mal ins Theater, sind sie glücklich über einen zuverlässigen Babysitter und begeistert von der Möglichkeit, ihrem Nachwuchs ein Wochenende im Kinderhotel spendieren zu können. Auch andere speziell auf Elternbedürfnisse zugeschnittene Dienstleistungen sind hoch willkommen. Das Spektrum reicht von exklusiv (schicke Mode für Mütter in spe) über handwerklich professionell (Babyfotos) bis hin zu pädagogisch wertvoll (Fremdsprachenunterricht oder musikalische Früherziehung für Steppkes im Windelalter). Und natürlich gibt es auch spezielle Beratungsangebote. Diplom-Psychologin Claudia Mohr etwa bietet „Elterntraining“ an. In einem Netzwerk mit anderen Fachfrauen offeriert die Spezialistin für Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) unter anderem auch „Beratung zu Trennung und Scheidung“ oder zur „Kooperation mit dem Sozial- und Gesundheitswesen“, also mit dem Jugendamt oder Krankenkassen. Doch eigentlich will „mohr und mehr für familien“ ( www.fhss.de/mohr/neu ) Beiträge dazu leisten, dass Eltern und Kinder ihren Familienalltag mit Freude genießen.

Dass sich vor allem Frauen immer neue Marktnischen mit der Kundenzielgruppe Eltern erschließen, hat einen simplen Grund: Mit Jobs rund ums Kind können sie ihre beruflichen Talente am besten mit ihren privaten Verpflichtungen unter einen Hut bringen. Musikpädagogin Rieffel etwa gelingt es üblicherweise, Unibesuche und berufliche Termine um die eigene Kinderschar herum zu legen. Aber wenn das mal nicht klappt, liegen ihre Nerven noch lange nicht blank. Rieffel: „Dann nehme ich die Kids eben mit.“

So würden sich wohl gerne auch die meisten anderen berufstätigen Eltern äußern. Doch in der Zahnarztpraxis, in der Produktionshalle oder im Büro sind Kinder nicht gern gesehen – allenfalls mal besuchsweise. So machen sich immer mehr unternehmerisch denkende Mütter (und vereinzelt auch Väter) die Not berufstätiger Eltern zur eigenen beruflichen Tugend ( www.bmfsfj.de ).

Sich mit einer pfiffigen Geschäftsidee rund ums Kind selbstständig zu machen, ist zwar nicht leichter als jede andere Unternehmensgründung. Doch in Berlin gibt es besonders viele Anlaufstellen für Existenzgründer. Allein die Suchmaschine www.google.de wirft unter den Stichworten Existenzgründung, Beratung und Berlin mehr als 15 000 Links aus, die Ergänzung um den Suchbegriff Frauen ergeben immer noch mehr als 5000 Treffer. Viel wichtiger aber noch: Sowohl bei der Planung und beim Aufbau ihres Unternehmens können Gründermütter auf ihrem Beziehungsnetzwerk aus dem Kindergarten, der Vorschule oder Schule ihrer eigenen Kinder aufbauen.

Die Fähigkeit, von Fehlern anderer zu lernen und bei der Vermarktung der eigenen Geschäftsidee auf Mund-zu-Mund-Propaganda zu setzen, ist für organisationserfahrene Mütter – und Väter – selbstverständlich. Detlef Schönberg beispielsweise, der Kinder im Alter ab drei Jahren mit dem Puppentheater „Call a Kasperle“ ( 745 56 05) zum Lachen bringt, konnte bislang sehr gut auf gestylte Werbung verzichten. „Warum solche Ausgaben?“, sagt der Vater von zwei Söhnen. Seine Erfahrung, dass sich „gute Leistung von alleine herumspricht“, kennt auch Christa Janßen ( 0179/ 956 29 11) aus Hönow – von sich selbst ebenso wie von etlichen ihrer Kunden. Die 44-jährige Mutter eines sechsjährigen Jungen ist selbstständige Existenzgründungsberaterin. Ihre Überzeugung: „Eine schicke Homepage bedeutet noch lange nicht geschäftlichen Erfolg. Viel wichtiger ist, dass die Geschäftsidee zum Menschen passt.“

Bei Frauen wie Henriette Rieffel oder Anita Drews, der Gründerin des Kinderhotels in Mitte, besteht daran kein Zweifel. Die Musikpädagogin ist so erfolgreich, dass sie ab und zu eine Haushaltshilfe beschäftigen kann , die andere hat mittlerweile fünf feste Arbeitsplatze geschaffen und über 40 freie Mitarbeiter unter Vertrag.

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