Zeitung Heute : Mit dem richtigen Näschen durch die Duftwolken

Bei Lehmanns werden seit 1926 Parfüms nach persönlichen Vorlieben gemischt

Inge Ahrens

„Ein bisschen Fantasie ist mit drin“, schmunzelt Edith Lehmann gelassen, als sich der frühlingshafte Tulpenduft nicht gleich einstellen will beim Schnuppern am Glaspfropfen. Wenn eine Kundin in den Charlottenburger Laden kommt, wird sie auf jeden Fall getestet. Der Glaspfropfen, der den jeweiligen Duft wie den Geist in der Flasche gefangen hält, wird ihr unter die Nase gehalten. Jedes Stirnrunzeln, jedes Lächeln wird von nun an registriert. Handelt es sich hier um einen blumigen Typ oder um einen Verehrer der Aromen des Orients? Manche der Kunden probieren das ganze Angebot durch im Laufe der Zeit. Andere bleiben ihrer Wahl ein Leben lang treu.

Edith Lehmann und ihr Mann Harry gründeten 1926 in Berlin „die kleinste Parfümfabrik der Welt“ an der Potsdamer Straße. Der Betrieb zog dann in die Friedrichstraße und nach dem Krieg in den Westen.

Mit zehn Sorten Parfüm und drei Eau de Colognes fing alles an. Noch genau erinnert sich die reizende Dame an die allerersten Düfte: Veilchen, Flieder, Chyprus, Sandelholz, Ambra, Patschuli und Lavendel. „Die Damen in den Berliner Ministerien waren unsere Kundinnen“, erinnert sich Frau Lehmann. Die sahen fast aus wie heute: „mit Bubikopf, tailliertem Kostüm und Handtäschchen überm Unterarm.“ Gut muss es gerochen haben in den Büros der zwanziger Jahre, wenn die Damen in einer Wolke von Moschus, Maiglöckchen und Lavendelblüte anrauschten. Edith Lehmann steht nicht mehr tagtäglich vorne im Laden. Eher ordnet sie im Büro sorgsam die Karteikarten der bald 8000 privaten Kunden, auf denen detailgenau deren persönliche Duftmischung verzeichnet ist. Manche Kunden kommen nämlich ein Leben lang, vererben sogar ihre Duftmischungen an Kinder und Kindeskinder. „Zu uns kommt schon die vierte Generation“, erzählt Edith Lehmann und erinnert sich an alle. Sohn Lutz Lehmann ist der Parfümeur. Dessen Bruder Günter kümmert sich um alle kaufmännischen Belange.

Wenn Lutz Lehmann einen Duft kreiert, kann das lange dauern. Jeder Mix ist ein Selbstversuch. Da braucht auch der Mittfünfziger gelegentlich eine Pause, um wieder das richtige Näschen zu haben. Vier Parfüms hat Lehmann allein im vergangenen halben Jahr geschaffen. Die Grundstoffe für die hauseigenen Parfüms kommen aus vielen Ländern, die meisten jedoch aus dem französischem Grasse, wo die Fabriken die Rohstoffe gleich waggonweise zu Öl destillieren. In dem Städtchen werden heute rund zwei Drittel der Duftstoffe gewonnen, die weltweit in der Kunst der Parfümherstellung gebraucht werden. Rund 2000 Riechstoffe gibt es. 30 bis 100 davon sind im Durchschnitt in einem Parfüm enthalten. Gelöst werden die Düfte in 96-prozentigem Alkohol. Je nach Verdünnung und Konzentration der Essenzen entsteht ein Eau de Cologne, Eau de Toilette, Eau de Parfum oder reines Parfüm. Lange Jahre war die Kreation „Lambada“ der große Renner im Hause Lehmann. Lutz beschreibt ihn als blumig, würzig und erogen. Jetzt hat „Roter Mohn“ ihm den Rang abgelaufen. „Ein ziemlich dunkler orientalischer Tropfen für Damen mittleren Alters“, findet Edith Lehmann.

Der allerneueste Duft „Tulpe“ ist auf dem besten Wege, ein Kassenschlager zu werden. Für fünf Euro kriegt man zehn Gramm in ein schönes Fläschchen abgefüllt. „Die jungen Mädchen lieben Maiglöckchen“, weiß Lutz Lehmann. Edith Lehmann und ihre beiden Söhne, sind stolz auf das immer jüngere Publikum. Hinter dem gezierten 50erJahre-Verkaufstischchen, wo Edith Lehmann noch eben saß, erblüht plötzlich ein zarter Maiglöckchenduft.

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