Zeitung Heute : Mit dem Risiko der Nebenwirkung

Adelheid Müller-Lissner

Im Blut des jugoslawischen Ex-Präsidenten Milosevic wurden angeblich Spuren des Antibiotikums Rifampicin gefunden. Könnte sein Tod mit der Einnahme dieses Medikaments in Zusammenhang stehen?


Das Antibiotikum Rifampicin, das der niederländische Toxikologe Donald Uges nach eigenen Angaben bereits vor zwei Wochen in Blutproben Milosevics fand, wird eigentlich bei Tuberkulose und Lepra eingesetzt. Außerdem wird es Kontaktpersonen kurzfristig gegeben, wenn in der Umgebung ein Kind an Meningokokken-Meningitis, einer gefährlichen Hirnhautentzündung, erkrankt ist. In deutschsprachigen Ländern ist das Mittel auch unter den Handelsnamen Eremfat, Rifa und Rimactan bekannt.

Er denke nicht, dass Milosevic die Medikamente in der Absicht einnahm, sich das Leben zu nehmen, sagte Uges der Agentur Reuters. Seiner Ansicht nach habe der serbische Politiker sein Leiden verschlimmern wollen, um die Chancen zu seinen Antrag zu verbessern, zur medizinischen Behandlung nach Russland zu dürfen. Der herzkranke 64-Jährige hatte in einem Brief wenige Tage vor seinem Tod geklagt, er werde in Den Haag falsch behandelt. Medikamentenexperte Uges wiederum wurde Ende vergangenen Jahres vom UN-Tribunal eingeschaltet, um herauszufinden, warum sich der Zustand des Angeklagten trotz verschiedener Medikamente nicht verbesserte.

Tatsächlich sorgt das Antibiotikum Rifampicin dafür, dass in der Leber vermehrt Enzyme gebildet werden, die zum beschleunigten Abbau von verschiedenen Arzneimitteln beitragen. „So sinkt die Halbwertszeit verschiedener Herzmedikamente und Blutdruckmittel, aber auch von Mitteln, die die Blutgerinnung hemmen, innerhalb der ersten 14 Tage nach Beginn der Behandlung mit Rifampicin bis um die Hälfte. Sie wirken dadurch deutlich schwächer“, sagt Charité-Pharmakologin Heide Hörtnagl. Damit würde gleich eine ganze Palette von Mitteln einen Teil ihrer Wirksamkeit einbüßen, die gefährdete Patienten vor Schlaganfällen und Herzinfarkten schützen. Milosevic litt unter hohem Blutdruck und hatte wahrscheinlich auch andere Risikofaktoren für Arteriosklerose.

Fest steht nach Ansicht von Experten jedoch, dass man sich mit dem Tuberkulosemittel nicht das Leben nehmen kann. „Wenn überhaupt, dann stirbt man nach dessen Einnahme allenfalls an der Unwirksamkeit anderer Medikamente“, sagt die Charité-Pharmakologin Ingrid Mai. Allerdings bleiben trotzdem nicht nur kriminologisch zahlreiche Fragezeichen. Wenn Blutdruckmittel nicht ausreichend wirkten, dann hätte man das bei einem so prominenten Gefangenen unschwer anhand regelmäßiger Kontrollen ermitteln und gegebenenfalls die Dosis erhöhen können. „Außerdem fragt sich, wie oft und mit welcher Methode Rifampicin bestimmt wurde, denn wegen möglicher Verunreinigungen reicht eine einmalige Messung niemals aus“, sagt Ingrid Mai. Noch aber fehlen die Ergebnisse von Laboruntersuchungen, die nach der Obduktion des Toten begonnen wurden.

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