Zeitung Heute : Mit dem Tiger schunkeln

Einem Stimmwunder bricht die Stimme: Luciano Pavarotti demontiert bei seiner Abschiedstour den eigenen Mythos

Christine Lemke-Matwey[Hamburg]

„Mille grazie, maestro“: Ein erregtes Stimmchen irgendwo aus Block B oder C zerreißt die nachtklamme Luft. Zustimmendes Raunen im weiten Rund. Unten auf dem Podium legt Luciano Pavarotti derweil seine Pranke um die italienische Sopranistin Carmela Remigio, was zwangsläufig ein bisschen nach King Kong und weißer Frau aussieht. Wenigstens aus gefühlten 500 Metern Luftlinie Entfernung. Irritationen aber kann der Maestro jetzt nicht brauchen, er muss sich konzentrieren. Den Zwischenruf goutiert er mit einem Zucken seiner piratenrabenschwarzen Augenbrauen. Dann endlich das Trinklied aus Verdis „Traviata“, alle Strophen. Die dritte und letzte Zugabe für diesen Abend. Und vielleicht das Letzte überhaupt, was „The Opera’s Golden Tenor“ auf deutschem Boden in diesem Leben singen wird. Er selber beginne, so Pavarotti in mühevoll sich durchs Vokabeldickicht schlenzendem Englisch, dann komme Carmela und dann, in Ermangelung eines Chores, please all of you. Er dirigiere, drei, vier, aber bitte nur singen, nicht klatschen, no, no. „Libiamo ne’ lieti calici“, Schunkeln, la laaa, la la la la la la la la laaa, rhythmisches Klatschen, natürlich, drei, vier. Dann kreischende Ovationen, gellende Pfiffe, leuchtende Gesichter. Schluss und Tusch. Muss Oper schön sein. Der Mann, raunen die Leute beim Hinausgehen, ist eine Legende, ein Mythos. Fast so groß wie Frank Sinatra. Oder Michael Jackson, bevor er… na, Sie wissen schon. 22 Uhr 44 am Hamburger Rothenbaum. A Night To Remember.

Luciano Pavarotti auf „Farewell Celebration Tour“. Nächstes Jahr wird der Tenorissimo 70, dann will er endgültig aufhören und sich in seiner Geburtsstadt Modena nur noch um seine kleine Tochter Alice kümmern und um seine Pferde (das heißt um die paar wenigen, die ihm nach dem erbitterten Rosenkrieg mit seiner ersten Frau Adua geblieben sind) und vielleicht gratis ein paar Gesangsstunden geben. Und vielleicht geht er auch mal wieder zu einem Spiel von Juventus Turin, seinem Lieblingsclub. Was italienische Rentner, die ihr Auskommen haben, eben so tun. 44 Jahre lang wird Pavarotti dann auf der Bühne gestanden sein, weit über 1300 Auftritte hat er schon jetzt absolviert. Der Marathon eines Drei-Zentner-Mannes. Wie sollte die (Musik-)Welt ihm dafür je nicht dankbar sein? Wie ihm die eine oder andere Geschmacklosigkeit nicht verzeihen? Denn was, bitteschön, ist ein einziger Triller in der neapolitanischen Schnulze „La mia canzone al vento“, der sich in Hamburg anhört, als wäre der Sänger im Stimmbruch, so kieksend und fistelig und haarsträubend fürchterlich, gegen diese Lebensleistung? Was vermag die Quersumme all seiner Patzer und Unpässlichkeiten der letzten Jahre schon gegen seinen hinreißenden Rodolfo („La Bohème“) unter Karajan auszurichten, was gegen seine 115 Vorhänge an der Deutschen Oper Berlin 1988 für Nemorino („L’elisir d’amore“) und seine in guten Zeiten locker bis zu 13 Sekunden lang durchgestemmten hohen C’s? Nichts, sollte man meinen. Winzige Kratzer am ehernen Sockel. Jederzeit wegzupolieren und unter Alterseitelkeit, unter dem typisch männlichen Nicht-aufhören-können zu verbuchen.

Allein, das Ausmaß, ja die Verzweiflung der Selbstdemontage erschreckt doch sehr. Fast ist man geneigt, Pavarottis Abschied von seinen deutschen Fans als Menetekel auf den allgemeinen Kulturverfall zu lesen. Eine der schönsten und unverwechselbarsten Tenor-Stimmen des 20. Jahrhunderts macht sich hier zur Hure, zur Klassik-Kurtisane – willentlich, wissentlich. Weil den Unterschied zwischen einst und jetzt, zwischen betörendem Belcanto-Gesang und jenem bestürzenden Gegrummel und Geröchel vom Rothenbaum ohnehin keiner mehr hört. Zumindest an den Orten nicht, gegen die „Big P.“ die Opernhäuser und Konzertsäle dieser Welt längst und mit emsiger Geschäftstüchtigkeit eingetauscht hat – in öffentlichen Parks, Fußballstadien, Leichtathlektik- oder Tennisarenen. Wo Martinshörner, Hubschrauber, Handys und Hunde zur Geräuschkulisse zwangsläufig dazugehören, da ist es ganz einfach nicht so wichtig, ob Verdi oder Puccini oder Tosti, ob mit Stimme oder ohne, ob Wrack oder nicht. Vorbei die Zeiten, da selbst seriöse Kritiker von Pavarotti-Tönen schwärmten, die „bis in die Lenden“ wirkten. Keine Rede mehr, wie einst Ernst Bloch über den Tenor an sich, vom „Magnetismus eines singenden Erotikons“.

Wichtig ist jetzt vielmehr, dass Verona Feldbusch in der ersten Reihe thront (was muss die Frau gefroren haben in ihren pinkfarbenen Spaghettiträgern!); wichtig sind die Autosponsoren draußen vor der Halle und der ameisengroße Sushi-Teller für 9,50 Euro in der Pause. Wichtig ist, dass nichts mehr wichtig ist. Oder alles auf einmal. Wichtig ist der Abglanz, der „Sonnenuntergang“, wichtig sind die letzten Strahlen einer Pavarotti-Dämmerung, die es gestattet, dass man sich dunkel, sehr dunkel an etwas erinnert, das die Welt zunehmend das Fürchten gelehrt hat: an die existenzielle Bedeutung von Kunst, an Magie und Aura. Jetzt, da genau das vor unseren Augen und Ohren stirbt, verwest, zu Grunde geht, muss niemand mehr bange sein. Jetzt, da es zu spät ist, traut man sich, gleich massenweise und leichten Sinns. Und das gilt durchaus wechselseitig: „Wo das Leben ihn nicht umarmt, umarmt Pavarotti das Leben“, erkannte die „Neue Zürcher Zeitung“ bereits 1994. Popularisierung der Klassik lautete damals das Schlagwort. Das war vier Jahre nach dem allerersten Auftritt der Drei Tenöre in den römischen Caracalla-Thermen und acht Jahre vor dem Debakel um Pavarottis inoffiziellen Abschied von der New Yorker Met. Den Cavaradossi aus „Tosca“ hätte er singen sollen, und seine 375. Vorstellung an dem Nobel-Musentempel wäre es gewesen. Doch die ehedem „Biggest Box Office Voice of the World“ saß in ihrem New Yorker Appartement, trank selbstgekochte Hühnerbrühe – und sagte 50 Minuten vor Beginn ab. Kalten Blutes? Aus nackter Angst? Um sein Ego zu streicheln? Oder weil die kaputten Knie, die kranke Hüfte ihn mal wieder plagten? Normal bewegen kann Luciano Pavarotti sich schon lange nicht mehr. „Seine Schreie nach Blut klangen wie Schreie nach mehr Pudding“, lästerte die New York Times 1991 über seinen Otello. Wie gut also, dass am Rothenbaum ein Flügel auf dem Podium steht.

Mit wohlkalkuliert sich steigernder Frequenz reißt „Fat Pav“ an diesem zugigen Abend auf dem Centre Court immer wieder beide Arme in die Höhe. Mal motiviert, weil erleichtert, wie vor seinem ersten Abgang vom Podium nach drei Tosti-Liedern (Bühnenverweildauer elf Minütchen), mal weniger motiviert und nur um die pfeffersäckisch unterkühlte Stimmung aufzulockern, was ihm prompt und wie auf Knopfdruck gelingt. Manchmal hat er aber auch Gründe, den alten Triumphator zu geben: Wenn ihm Cavaradossis „Recondita armonia“ ohne größere Patzer gelingt und sogar das Legato hält, wenn in „Che gelida manina“ momentweise sein legendäres Silbertimbre hervorblitzt, und wenn der eine oder andere Spitzenton sich eben nicht hinter die linke Rachenmandel flüchtet oder durch die Nasenwurzel schmirgelt. Gewiss, von der Deklamation her können die Zuhörer bestenfalls erraten, dass hier italienisch gesungen wird, und natürlich wird in der Höhe und am Schluss – aus Mangel an Spannkraft – brutalstmöglich gedrückt, gepresst und gebrüllt. Leone Magiera, ein alter Vertrauter Pavarottis, am Pult des Budapester Konzertorchesters spannt hierzu bereitwillig jedes Trampolin auf.

Hands up also zum Gebet: Wie ein Gorilla verharrt der Tenor oft in dieser Pose. Die überlangen Arme, der massige Frackoberkörper, das zerzauste Barthaar, die überraschend krummen, dürren Beinchen. Eine wandelnde Mischung aus Bud Spencer und Rasputin. Der traurigste Clown. Orpheus, kurz bevor lüsterne thrakische Mänaden ihn in Stücke reißen. Augen zu und ein letztes Mal tief eingeatmet (dem Video-Screen sei Dank sind solche mimischen Nuancen auch von Block A3 zu verfolgen): den vertrauten Geruch aus Gummi und Schweiß, die rund 9000, die gut zwei Stunden lang auf dreckigen Schalensitzen frieren und dafür mehrere hundert Euro hingeblättert haben, die Licht-Show, die Mascagni gerne ins Violett-Rötliche rückt und Puccini ins Bläulich-Giftig-Grüne. Warum Pavarotti sich und uns dies alles antut? Das sei der Tiger in ihm, hat er einmal erklärt: „Den muss man reiten, solange man Erfolg hat.“

Drei pflichtbewusste Zugaben, „Granada“, „O sole mio“ und das besagte Trinklied. Und dann war er plötzlich weg. Von den Katakomben der Tennisanlage verschluckt. A Night To Remember.

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