Zeitung Heute : Mit dem Transrapid über Teneriffa

Die Magnetschwebebahn auf der Kanareninsel: Peter Mnich errechnet, ob das technisch möglich ist – und zu welchem Preis

Sybille Nitsche
Geisterbahnhof. Noch hält kein Transrapid am Fuß des Teide-Vulkans, schwebt die Bahn nur in der Computersimulation. Nach Ansicht von TU-Forscher Peter Mnich sprechen viele Fakten für die futuristische Bahn und gegen ein herkömmliches Rad-Schiene-System. Der Transrapid könnte etwa höhere Steigungen und engere Kurven bewältigen. Das verkürzt die Fahrtzeit. Foto: Planungsgemeinschaft Maglev Tenerife
Geisterbahnhof. Noch hält kein Transrapid am Fuß des Teide-Vulkans, schwebt die Bahn nur in der Computersimulation. Nach Ansicht...

Peter Mnich hat anstrengende Wochen hinter sich, aber man merkt sie ihm kaum an. Vielmehr wirkt er euphorisiert. Und obwohl der nächste Termin drängt, nimmt er sich gern Zeit für das Interview. Es geht um das Projekt Transrapid auf Teneriffa. Sein Projekt.

In den vergangenen Wochen hat es ihn besonders viel Zeit gekostet. Innerhalb von nur drei Monaten musste eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. Die Pläne, nach denen der Transrapid womöglich auf der Kanareninsel fahren soll, hatten einiges Erstaunen hervorgerufen. Denn der von deutschen Ingenieuren seit Ende der 1960er Jahre entwickelten Technik ist der Durchbruch nie gelungen. Stattdessen hat das Magnetbahnsystem es in einer Habilitationsschrift auf die Liste gescheiterter Innovationen geschafft. ThyssenKrupp hat sein Werk in Kassel Ende 2010 geschlossen. Von Siemens war im Herbst vergangenen Jahres zu hören, dass der Transrapid „auf Eis gelegt“ wurde. Weder in Deutschland noch anderswo in der Welt erschien der Neubau von Magnetbahstrecken realistisch.

Für Peter Mnich aber ist der Transrapid trotz aller Rückschläge nicht gescheitert. „Das Magnetbahnsystem bleibt das Bahnsystem der Zukunft.“ Mnich, Professor für Betriebssysteme elektrischer Bahnen an der TU Berlin und ehemaliger Leiter der Transrapid-Teststrecke im Emsland, die er mitentwickelte, sagt das nicht trotzig, sondern mit jener Gelassenheit, die jemand ausstrahlt, der von einer Sache rundheraus überzeugt ist. Denn in Schanghai fährt der Transrapid seit 2004 – zwar als weltweites Unikum, dafür aber extrem zuverlässig: zu 99 Prozent pünktlich bei 96-prozentiger Verfügbarkeit.

Vor Peter Mnich liegt die erste Machbarkeitsstudie zum Transrapid auf der Kanareninsel. Gemeinsam mit dem Düsseldorfer Ingenieurbüro Vössing wurde sie vom Institut für Bahntechnik GmbH, die Mnich seit über 20 Jahren als Geschäftsführer mitleitet, erstellt. Das Resultat der Ingenieure: Der Transrapid auf Teneriffa ist technisch machbar. Und gleich auf Seite 2 der Studie steht, dass es zu dem „modernen und umweltfreundlichen Bahnsystem Magnetschnellbahn Transrapid keine Alternative“ gibt, sollen die Herausforderungen in punkto Verkehr auf Teneriffa „effektiv“ gelöst werden.

Elf Punkte führen die Ingenieure an, die für den Bau der Magnetschnellbahn sprechen. An erster Stelle steht die Umweltfreundlichkeit. Der Transrapid brauche wenig Fläche, da er zum Beispiel auf dem Mittelstreifen der Autobahn oder geständert über ihr geführt werden könne, die Geräuschbelastung sei gering, Energiebedarf und Betriebskosten seien günstig, die Fahrzeiten kurz, die Transrapid-Technik zudem zuverlässig.

„Am überzeugendsten vermittelt sich der Vorzug jedoch bei einem Blick auf Teneriffas Geografie“, sagt Mnich. Auf der bergigen Vulkaninsel sind bei der geplanten Strecke Steigungen bis zu zehn Prozent zu überwinden. Konventionelle Bahnsysteme bewältigen bislang aber nur Anstiege von höchstens vier Prozent. Für die geplante Trasse zwischen der Hauptstadt Santa Cruz und den beiden Flughäfen im Norden beziehungsweise im Süden bedeutet das: Es müssten 41 der 120 Kilometer langen Strecke getunnelt werden, das wäre ein Drittel der Trasse.

„Angesichts der Tatsache, dass ein Kilometer Tunnel 40 bis 60 Millionen Euro kostet, wird deutlich, dass die Investitionen für ein konventionelles Bahnsystem immens wären“, sagt Mnich und verweist auf die Machbarkeitsstudie, in der errechnet wurde, dass die Magnetschnellbahn die Tunnel auf sechs Kilometer reduzieren könnte. Sechs statt 41 Kilometer Tunnel – das würde den Transrapid auch für Touristen attraktiver machen, denn wer braust in seiner Urlaubszeit schon gern durch dunkle Röhren.

Der Auftrag für die Machbarkeitsprüfung kam von Teneriffas Präsident Ricardo Navarro. Er ist ein Verfechter der Schiene, und zur Bewältigung des Verkehrs auf der Insel hält er Bahnsysteme für konkurrenzlos. Unter seiner Ägide hat er den individuellen Autoverkehr in der Hauptstadt durch den Bau einer Straßenbahn entlastet. Das Gleiche plant er nun für den Inselverkehr. Denn der Norden und Süden sind lediglich durch eine Autobahn miteinander verbunden. 45 Prozent der Bevölkerung leben im Norden, die touristischen Zentren aber sind im Süden und damit die Arbeitsplätze. Der Großteil des Verkehrs erfolgt mit Autos und Bussen. Auf 1000 Einwohner kommen von daher 700 bis 800 Pkw. Da braucht es nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass Teneriffas Hauptverkehrsader oft verstopft ist.

Bei einer Geschwindigkeit zwischen 240 bis 270 Kilometern pro Stunde, die der Transrapid fahren könnte, würde sich die jetzige zweistündige Fahrzeit von Norden nach Süden auf eine Stunde verkürzen. In einem Interview sagte Navarro, dass aufgrund der geografischen Gegebenheiten, „wesentliche Faktoren für die Magnetschwebebahn“ sprächen im Vergleich zu Rad-Schiene-Systemen und nannte den geringeren Kurvenradius und die Fähigkeit, größere Steigungen zu überwinden.

In der ersten Machbarkeitsstudie haben die Ingenieure und Wissenschaftler um Mnich errechnet, dass der Transrapid einschließlich der Fahrzeuge und Enteignungskosten für Flächen für 3,1 Milliarden Euro gebaut werden könnte. „Aber es gibt noch Einsparpotential“, sagt Mnich. „Aus Zeitgründen konnten in der ersten Studie noch keine Optimierungen bei der Trassenführung, beim Tunnel- und Brückenbau sowie beim Betriebskonzept vorgenommen werden.“ Außerdem fehlen noch Aussagen zur Wirtschaftlichkeit. Das soll nun in einer zweiten Phase bis Sommer dieses Jahres geschehen.

Ob der Transrapid je gebaut wird, vermag Peter Mnich natürlich nicht zu sagen. Aber was Mnich mit Bestimmtheit sagen kann: Für den Transrapid ist Teneriffa die letzte Chance in Europa.

Ob er die bekommt, hängt auch vom Ausgang der Präsidentschaftswahl auf der spanischen Insel ab. Gewählt wird heute. Mit der politischen Unterstützung des jetzigen Präsidenten steht oder fällt das Projekt, das weiß Mnich. Beeinflussen kann er da nichts. Aber einen Artikel über die Teneriffa-Transrapid-Pläne kann er schreiben für eine chinesische Zeitung, um den Ehrgeiz der Chinesen anzustacheln. Dort gehen die Planungen, die Schanghai-Strecke zu verlängern, seit Jahren nicht voran.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!