Zeitung Heute : Mit dem Tutor auf dem Sofa

Absolventen der HU haben ihr eigenes Unternehmen gegründet: Sie bieten Schülern Nachhilfe im Internet an

Karin Schädler

Die Idee hatte Stefan Bayer, weil er in manchen Vorlesungen selbst gerne auf die Pause-Taste gedrückt hätte. Irgendwie müsste Lernen doch auch angenehmer möglich sein, per Video, mit vielen kleinen Häppchen, dachte er. Jetzt sitzt Bayer in einem der Büroräume, die seiner jungen Firma von der HU zur Verfügung gestellt wurden. Die Videoplattform sofatutor.com bietet Nachhilfeunterricht für Schüler. Bayer hat sich mit einigen Mitstreitern mit einer Ausgründung aus der HU selbstständig gemacht.

In bunten Videos wird in nur drei bis 15 Minuten ein ganz bestimmtes Thema kurz und prägnant erklärt. Anschließend werden sofort Fragen gestellt. „Das Interaktive ist wichtig“, sagt Bayer. Über 1800 Videos gibt es bereits zu Mathematik-Themen – laut Bayer der gesamte Schulstoff von Klasse 7 bis 13, allerdings mit dem Schwerpunkt auf Mathematik: „Das ist schließlich das Problemfach Nummer Eins für viele Schüler.“

Bayer ist erst 26 Jahre alt und als einziger im Team noch Student. Allerdings ist er auch der einzige, der BWL studiert hat. Viele Gründer scheitern daran, dass ihnen betriebswirtschaftlichen Kenntnisse fehlen. „Dieses Wissen ist für das Überleben des Unternehmens wichtig“, sagt Martin Mahn, Geschäftsführer der Humboldt Innovation GmbH. Seine Firma betreut die Spin-offs der HU. Für Bayer und seine Kommilitonen war die Humboldt Innovation die erste Anlaufstelle. Wie schreibt man einen Business-Plan? Wie analysiert man den Markt? Wie findet man Investoren? Im Rückblick sei es „unglaublich“, wie viel sie in dieser Anfangsphase gelernt hätten. „Man wird ja nicht als Gründer geboren“, sagt Bayer. Deshalb sei die Hilfe der Humboldt Innovation unabdingbar gewesen. Ebenso wie das Gründerstipendium Exist, finanziert aus EU- und Bundesmitteln, das die jungen Männer ergattern konnten. Allerdings läuft das Stipendium nur für höchstens ein Jahr. Danach muss die Firma, mit der Hilfe von Investoren, auf eigenen Beinen stehen.

Die Videoplattform „Sofatutor“ soll sich durch den Verkauf von Abonnements finanzieren. Für acht bis 14 Euro pro Monat können Nutzer so viele Videos ansehen wie sie möchten. Dass das billiger ist als nur eine einzige Stunde Nachhilfe im realen Leben, ist auf der Internetseite vielerorts zu lesen. „Wir wollen die Nachhilfe aber nicht ersetzen und schon gar nicht den Lehrer, der seinen Schüler gut kennt“, sagt Bayer. Die Plattform solle vielmehr ein „Nachschlagewerk“ in Videoform sein. Wer seine Wissenslücken sehr gut kennt, kann sie hier schließen. „Wenn ein Schüler aber Angst hat, nicht versetzt zu werden, braucht er jemanden, der persönlich und kontinuierlich mit ihm arbeitet“, sagt Bayer.

Von den fünf Festangestellten der jungen Firma sind die meisten Informatiker. Einen Mathematiker gibt es, und Bayer hat außer BWL auch Sozialwissenschaften studiert. Doch die Erstellung der Lernvideos überlassen sie meist anderen. „Wir hoffen, damit viele neue Jobs zu schaffen“, sagt Bayer. Im Prinzip darf jeder Videos produzieren und hochladen, vorrangig werden es wohl Nachhilfelehrer, Lehrer in Rente oder Lehramtsstudenten sein. Für die Qualität ist allerdings auch in anderen Fällen gesorgt: „Jedes Video wird von einem Fachdidaktiker aus dem entsprechenden Fach überprüft“, sagt Bayer. Gegebenenfalls bekommt der Produzent eine Rückmeldung mit Änderungswünschen. Die Bezahlung hängt davon ab, wie häufig sein Video angeklickt wird.

Die Humboldt Innovation stellte auch den Kontakt zum Institut für Mathematik und Didaktik an der HU her. Dort bekommen Bayer und sein Team Unterstützung, um das eigene Lehrangebot zu evaluieren. Zudem können sie gemeinsam mit dem Institut E-Learning-Projekte durchführen. Die Humboldt Innovation versucht, Netzwerke zu schaffen, von Unternehmen zur Forschung und umgekehrt. Zurzeit betreut das Unternehmen fünf spin-offs intensiv, hauptsächlich aus den Naturwissenschaften. „Wir wollen auch mehr Geisteswissenschaftler“, sagt Mahn. Frauen sind ebenfalls unterrepräsentiert.

Damit künftig noch mehr Studierende Firmen gründen, versucht die Humboldt Innovation sich mit Professoren zu vernetzen. Das Ziel: den Entrepreneurship-Gedanken auch in die Lehre bringen, sagt Geschäftführer Mahn. Karin Schädler

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar