Zeitung Heute : Mit dem Überirdischen spielen

Zwischen Natur und Playstation: Junge grönländische Regisseure entwerfen ein neues Bild der Insel.

Heike Zappe

Eisgebirge, menschenleere spektakuläre Landschaften, Inuit beim Robbenfang – unsere Vorstellungen von Grönland sind überwiegend romantisch und geprägt durch den Blick von außen. Aber wie sehen sich die Insulaner selbst? Trommeltanz und karge Landschaften – ja, das gibt's auch in den wenigen grönländischen Filmen, die bisher im Land gedreht wurden. Doch den „Eskimo-Exotismus“, wie sie es selber nennen, wollen die grönländischen Filmemacher nicht bedienen. „Unser Leben ist vielschichtiger, und wir haben viel mehr zu erzählen, als die hauptsächlich ausländischen Filme über unsere Insel beschreiben“, sagt die Regisseurin Ivalo Frank. In den Filmen der grönländischen Filmemacher würden sich vielmehr „Natur und Kultur, urbane Räume und Playstation“ verbinden. Hier vermischt sich die Welt älterer Generationen als Traditionsbewahrer mit den Lebenswelten und Zukunftsträumen des jungen, optimistischen Grönland. Und eben diese Jugend unterscheidet sich gar nicht so sehr von der hiesigen.

Gibt es das überhaupt – eine grönländische Filmszene? „Ja, die gibt’s“, sagt Frank und strahlt. Auf der Insel im arktischen Meer gibt es gerade mal ein knappes Dutzend Filmschaffender, die in Grönland geborene Dänin gehört dazu. Das Filmfestival „Greenland Eyes“, das am 24. April im Berliner Kino Arsenal startet, versucht erstmalig eine Bestandsaufnahme der noch jungen grönländischen Filmszene. Studierende der Humboldt-Universität haben es mitorganisiert.

Seine Geburtsstunde erlebte der grönländische Film gerade erst im Jahr 2008. Da beschlossen der 23-jährige Ujarneq Fleischer und seine Freunde, einen Spielfilm auf einer DV-Kamera zu drehen. Der in westgrönländischem Dialekt gedrehte Film wird, englisch untertitelt, auch auf dem Festival gezeigt. „Im Grunde spielt jeder bei jedem mit. Wer bei mir Schauspieler ist, bei dessen Film bin ich dann Beleuchter, oder der Kameramann ist beim nächsten Film Komparse.“ Zwar sind etwa 4000 Haushalte auf der Insel mit Fernsehanschlüssen versorgt, doch das Programm wird von dänischen Produktionen oder US-amerikanischen Blockbustern dominiert. Die Filmemacher der ersten Generation, alle um die 40 Jahre, sind noch davon bewegt, sich mit ihren Werken gegenüber Dänemark zu behaupten, der ehemaligen Kolonialmacht. „Aber die Jüngeren kommen jetzt nach“, sagt Ivalo Frank. „Sie lassen das alles hinter sich. Sie haben einen anderen Stolz und richten ihre Arbeit viel internationaler aus, präsentieren ihre Filme beispielsweise bei YouTube.“

Mit der noch im Entstehenden befindlichen grönländischen Filmszene beschäftigen sich die Skandinavistin Lill-Ann Körber und die Studentin Christina Just von der Humboldt-Universität schon länger. Lill-Ann Körber bot eine Lehrveranstaltung am Nordeuropa-Institut an, zu der eine Exkursion nach Grönland gehörte – und Christina Just fing dabei Feuer für das filmische Treiben im ewigen Eis. Zusammen mit Ivalo Frank, die seit Jahren in Berlin lebt, beschlossen sie, die Protagonisten der Filmszene Grönlands nach Berlin einzuladen.

Im April werden von den 50 eingereichten Filmen nun 17 beim Festival zu sehen sein; darunter viele Deutschland-, Europa- oder gar Weltpremieren. Mitorganisatorin Ivalo Frank präsentiert in „Faith, Hope & Greenland“ Interviews mit Hauptakteuren der Kulturszene in der Hauptstadt Nuuk. In ihrem mehrfach ausgezeichneten Kurzfilm „Echoes“ erzählt sie von den Spuren, die amerikanische Airbases während des Kalten Krieges in ostgrönländischen Biografien und Landschaften hinterlassen haben.

Der junge Film befasst sich mit dem Alltagsgeschehen, mit urbaner, populärer und Jugendkultur, in Drama, Liebesfilm und Komödie. Noch ist es schwierig, eine gemeinsame Ästhetik des grönländischen Films zu erkennen. Frank beschreibt es so: „Die Filme spielen immer noch mit dieser ,Überirdischkeit’. Und sie sind sehr humorvoll.“ Was man auch im ersten grönländischen Horrorfilm „Qaqqat Alanngui“ erleben kann.

Dokumentarfilme thematisieren das postkoloniale Verhältnis zwischen Grönland und Dänemark. Sozialkritische Aspekte wie der Umgang mit Alkoholismus, Suizid und sexueller Missbrauch werden aus grönländischer Perspektive zwar ebenfalls aufgegriffen. „Wir wollen aber den optimistischen Blick hervorheben“, sagt die Filmemacherin. So könnte das Festival dazu beitragen, das Fremdbild von Grönland zurechtzurücken.

Neben dem zeitgenössischen Schwerpunkt werden auch einige Perlen der Filmgeschichte gezeigt, wie die deutsche Stummfilmkomödie „Das Eskimobaby“ (1918) mit der Dänin Asta Nielsen als widerspenstige Grönländerin oder die umstrittene Leni Riefenstahl als rettende Pilotin bei einer Polarexpedition in „SOS Eisberg“ (1933). Und wer wusste schon, dass der berühmte dänisch-grönländische Polarforscher Knud Rasmussen das Drehbuch schrieb für den Spielfilm „Palos brudefærd“ (1934)?

Das Festival will mehr als ein Filmfestspiel sein. Lill-Ann Körber liegt das Symposium „Grönland: Film im Kontext“ mit internationalen Gästen am Herzen, das obligatorischer Bestandteil des Masterkurses „Grönland im Film“ ist. Die Skandinavistin wurde im letzten Herbst für das gleichnamige Projekt mit dem Preis für gute Lehre der Philosophischen Fakultät II ausgezeichnet. Gewürdigt wurde, wie sich die Aktivitäten rund um das Filmfestival und die damit verbundenen Lehrveranstaltungen am Nordeuropa-Institut gegenseitig befruchten. Die 2000 Euro Preisgeld stecken nun in diesem Symposium. Grönländische Künstler präsentieren sich ebenfalls auf dem Festival: Die Schauspielerin und Erzählerin Makka Kleist wird zu Gast sein; die Künstlerin Julie Edel Hardenberg zeigt eine Ausstellung mit fiktiven Filmplakaten und die Singer-Songwriterin Nive Nielsen gibt mit ihrer Band „The Deer Children“ ein Konzert. Und die grönländische autonome Regierung unterstützt die Filmemacher bei der Untertitelung, um ihnen in Europa eine Plattform zu bieten.

„Seit Jahrhunderten macht sich die Welt ein Bild von Grönland. Es ist höchste Zeit, dass wir den Blick darauf lenken, wie die Grönländer ihr eigenes Land sehen“, sagt Lill-Ann Körber.

Filmfestival „Greenland Eyes“, 24. bis 30. April: Im Kino Arsenal werden täglich Filme gezeigt; dazu gibt es Gespräche mit den Künstlern. Beim „Meet & Greet“ am 28. April um 17 Uhr im Arsenal kann man die Filmemacher treffen. Das internationale Symposium findet am 27. April, 11 bis 16 Uhr, in der Humboldt-Uni, Dorotheenstr. 24, Raum 1.308, statt. Am 30. April gibt es um 21 Uhr ein Abschlusskonzert im „.HBC“, Karl-Liebknecht-Straße 9 (Mitte).

Das Programm im Internet:

www.greenlandeyes.com

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