Zeitung Heute : Mit den Augen tanzen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Falls Sie sich wundern, dass an diesem Wochenende kaum DJ-Talent in der Stadt zu hören ist: Die meisten Plattendreher von Rang und Namen sind in Miami auf der Winter Music Conference – dem alljährlichen Treffen der DJs und Musiker aus aller Welt. Aber nicht schlimm, als Nachtleben-Ersatz möchte ich Ihnen heute empfehlen, es sich auf ihrem Sofa gemütlich zu machen und die neue DVD von Romuald Karmakar anzuschauen. „196 BPM“ heißt der Film, der letztes Jahr im Rahmen des Berlinale-Forums erstmals gezeigt wurde. In „196 BPM“ dokumentiert Karmakar im Mini-DV-Format drei Nebenschauplätze der Love Parade 2002. Dialogfrei, jeweils in einer Einstellung gedreht, zeigt Karmakar das Geschehen während unterschiedlicher Party-Situationen. Die erste Einstellung zeigt den nächtlichen Eingangsbereich des West-Berliner Clubs „Linientreu“. Aus dem Innenraum dringen Techno-Beats auf die Straße und man sieht einen jungen, gummiartig tanzenden Mann, der vorbeilaufende Menschen immer wieder zum spontanen Mittanzen animiert. Die zweite Einstellung wurde auf dem Breitscheidtplatz gedreht. Vor einem umgeräumten Döner-Imbiss tanzen und springen Passanten und Tänzer zu den 196 Beats per Minute schnellen Rhythmen eines Gabba-DJs, verlieren sich in der Musik, ein Bierstand wird enthusiastisch zu einem Percussion-Instrument umfunktioniert. Das Ganze sieht man ohne Kommentar und Werbeeinblendungen, ohne Schnitt und Nachvertonung. Also ohne die ganzen lästigen Unterbrechungen, die man im Fernsehen bei der Love Parade-Berichterstattung ertragen muss. Und in dieser Direktheit wird vor allem in dieser Einstellung unmittelbar der ganze, herrliche Wahnsinn deutlich, der aus einer spontanen, öffentlichen Party entsteht.

Dritte und letzte Einstellung zeigt schließlich DJ Hell bei der Arbeit. „Hell At Work“ ist der Titel dieser knapp 50-minütigen Aufnahme, die montagmorgens bei der Gigolo-Nacht im WMF in der Ziegelstraße aufgenommen wurde. Auch wenn man DJ Hells Musik nicht mag, kann man hier beobachten, was ein professioneller DJ alles leisten muss, wenn er Musik für die Tanzfläche aussucht. Denn Plattenauflegen ist tatsächlich richtige Arbeit: Platteneinmischen, Platten heraussuchen, ständig die Lautstärke regeln, mit dem Publikum kommunizieren, oder etwa, wie in den ersten Sekunden sichtbar: Sich mit den Tücken des Mischpultes herumschlagen. Man sieht DJ Hell, wie er eine CD einlegt und auf dem Mischpult nicht den dazugehörigen Kanal findet und eine Pause in seinem Set entsteht. Ein schöner Moment, der zeigt, dass solche Fehler auch Superstar-DJs passiert, und eine Einstellung, die verdeutlicht, dass das, was man sonst von DJs und Club-Ereignissen auf Film oder im Fernsehen vermittelt bekommt, selten mit der Realität zu tun hat. Schön, dass bei Karmakar’s „196 BPM“ darüber hinaus aber vor allem eins deutlich wird: Der große Spaß, den man bei lauter Musik mit BPMs haben kann. Im Club, auf dem Breitscheidtplatz oder zu Hause auf der Couch.

„196 BPM“ von Romuald Karmakar ist ab sofort auf DVD bei www.absolutmedien.de. erhältlich .

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