Zeitung Heute : Mit den Ohren sehen

Erstmals gibt es bei dieser Weltmeisterschaft ein offizielles Projekt für Blinde und Sehbehinderte. In den WM-Stadien werden pro Spieltag zehn Fußballfans über Kopfhörer mit Informationen zum Spiel versorgt. Die Reporter sagen selbst: „Wir kommentieren wie die Bundesliga-Schlusskonferenz, nur 90 Minuten lang!“

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Kurz vor dem Spiel Frankreich gegen Togo. Als die französische Nationalhymne von der Mehrheit im Kölner WM-Stadion lauthals mitgesungen wird, weiß jeder, was die Stunde geschlagen hat. Frankreich kämpft um das Achtelfinale, Togo kämpft um die Ehre.

Es fällt also leicht, sich auch als Unbeteiligter von der Vorfreude anstecken zu lassen. Die zehn Menschen, die in der ersten Reihe von Block 06 sitzen und allesamt Kopfhörer tragen, machen da keine Ausnahme. Sie saugen die Fangesänge sogar noch etwas intensiver in sich auf, als das wohl andere neutrale Betrachter tun würden. Denn sie sitzen auf den eigens eingerichteten Plätzen für Blinde und Sehbehinderte, in Köln bestens platziert direkt auf der Höhe des Sechzehners. „Herzlich willkommen beim heutigen WM-Spiel“, hören sie kurz vor dem Anstoß die Stimme von Christian Kautz. Er hat ihnen vorher schon die Kopfhörer und den Empfänger in die Hand gedrückt und kommentiert das Spiel heute zusammen mit Wolfgang Gommersbach, live aus der zweiten Sitzreihe. Er selbst sagt: „Es ist quasi wie die Bundesliga-Schlusskonferenz, nur 90 Minuten lang“.

„Wir bleiben immer sachlich“

Die beiden Moderatoren sind mit einem Funkmikrofon ausgestattet und wechseln sich ungefähr alle 15 Minuten ab. Die mobile Sender-Empfänger-Anlage, die mittlerweile bei den meisten Bundesliga-Klubs zum Standard gehört, hat circa 15 000 Euro gekostet. Sie macht es möglich, dass die blinden und sehbehinderten Fans eine packende Beschreibung des Spielgeschehens bekommen. Beim Spiel der Engländer gegen die Schweden wurde auf diese Weise sogar zusätzlich ein Nutzer auf der gegenüberliegenden Westtribüne versorgt, der ein Ticket für einen VIP-Platz hatte. Die Form der Übertragung lässt sich wohl am ehesten mit einer Radioreportage vergleichen, nur dass die Geräuschwelt des Stadions viel unmittelbarer und lauter ist. Als einmal besonders gellende Pfiffe der Zuschauer zu hören sind, erläutert Christian Kautz kurz und knapp: „Jetzt liegt ein Franzose in der französischen Hälfte am Boden.“ Wolfgang Gommersbach beschreibt später ein etwas anderes Phänomen: „Die Welle startet, diesmal gegen den Uhrzeigersinn, scheitert aber an der VIP-Tribüne.“ Im Vergleich zu ihren Kollegen vom Funk sind die beiden Spezialreporter bei manchen Details oftmals etwas genauer. „Fabien Barthez schlägt den Ball mit dem linken Fuß aus dem Strafraum“, vermeldet etwa Christian Kautz. Wolfgang Gommersbach beschreibt in der Halbzeit die gemeinsame Philosophie: „Wir schildern ganz sachlich, was auf dem Platz passiert. Unser Ziel ist es, dass sich unsere Zuhörer eine eigene Meinung über das Spiel bilden können.“

Eigentlich hatte die Fifa ein entsprechendes Kartenkontingent für diese WM nicht eingeplant. Das nationale Organisationskomitee setzte sich dann aber energisch für die vernachlässigte Zielgruppe ein. Vor der WM konnten sich alle Interessierten über eine Hotline für die Plätze bewerben; das Los entschied. Hinter der Initiative steht der Hamburger Verein „Die Sehhunde“, der zuletzt auch schon in der Bundesliga neue Standards durchsetzen konnte. Der erste Klub, der in Deutschland ausgewiesene Blindenplätze einrichtete, war Bayer Leverkusen. Geschäftsführer Kurt Vossen hatte das Angebot bei einem Champions-LeagueAuswärtsspiel bei Manchester United entdeckt. Die Folge: In der Saison 2006/2007 werden bereits 16 von 18 Bundesliga-Klubs entsprechende Plätze anbieten. Christian Kautz bastelt zurzeit an einer eigenen Homepage, auf der sich potentielle Nutzer über die angebotenen Plätze informieren können.

Das Publikum ist fachkundig

Nach dem Spiel werden die Kopfhörer wieder eingesammelt; der blinde Zuschauer, der die ganze Zeit direkt vor Christian Kautz gesessen hat, bedankt sich für den Service. Kautz hatte seine Augen nämlich nicht nur auf dem Kölner Spielfeld, sondern wurde von seinem Bruder per SMS auch über den Spielstand beim Spiel Schweiz gegen Südkorea informiert und gab dieNachricht an seine Zuhörer weiter. Ihr Publikum sei sehr fachkundig, sagt Wolfgang Gommersbach. Für die beiden Kommentatoren beginnt nach dem Spiel Schweiz gegen Ukraine wieder der Alltag: Zu den Meisterschaftsspielen des 1. FC Köln kommen regelmäßig zwischen acht und 13 Stammzuhörer.Thorsten Schaar

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