Zeitung Heute : Mit den Physikstudenten demonstrieren

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Kennen Sie den? Ein Biologe, ein Physiker und ein Mathematiker beobachten, wie zwei Menschen in einem Haus verschwinden. Ein paar Minuten später kommen drei Menschen aus dem Haus raus. „Die haben sich vermehrt!“, ruft der Biologe erfreut. Der Physiker kratzt sich am Kopf und meint: „Nee, mit unseren Beobachtungen kann etwas nicht stimmen.“ Der Mathematiker denkt nach und sagt schließlich: „Wenn jetzt wieder einer rein geht, ist das Haus leer.“ Akademiker sind Klasse. Ich bin froh, dass die Forschung noch nicht abgeschafft wurde. Schon allein, weil ich sonst arbeitslos wäre.

Derzeit kann ich als Reporter noch regelmäßig Forscher besuchen und mir erklären lassen, was sie so treiben. Besonders innovativ sind die Physiker. Egal ob es sich um Spuk oder Überlichtgeschwindigkeit handelt: Immer haben sie die Nase vorn. Auch jetzt wieder, bei den Berliner Studentenstreiks. Ein bisschen rührend ist so ein Studentenstreik ja schon. Vielen Leuten ist es nämlich völlig Wurscht, wenn angehende Germanisten das Schiller-Lesen verweigern. Auch „Numismatiker aller Länder vereinigt Euch!“ hört sich nicht wirklich gefährlich an. Dagegen haben sich die Berliner Physiker was einfallen lassen: Sie lernen und protestieren gleichzeitig. Im Exil, auf dem Potsdamer Platz, läuft derzeit die längste Physikvorlesung der Welt. Seit drei Tagen und Nächten.

Der Grund: An den Berliner Hochschulen sollen zahlreiche Stellen eingespart werden. Dabei sind die Studienbedingungen bereits heute ein Horror, klagt ein TU-Student: „In manchen Pflichtvorlesungen sitzen wir auf den Fensterbänken und in den Schränken!“ Fensterbank-Plätze kenne ich. Aber studieren im Schrank? So etwas gab es bei uns an der Uni Basel nicht. Trotzdem habe ich früher in der Schweiz viel demonstriert. Einmal bin ich auf Knien durch Zürich gerobbt. Allerdings nicht gegen Sparmaßnahmen im Bildungsbereich, sondern gegen Einsparungen im Freizeitbereich. Der Club „Kanzlei“ sollte geschlossen werden, obwohl dort immer tolle Partys stattfanden.

Die Berliner Physiker haben edlere Ziele und sie geben ihrem Unmut stilvoller Ausdruck: Um 16 Uhr ist auf dem Potsdamer Platz etwa ein Vortrag über „geladene Teilchen im EM-Feld“ anberaumt. Klingt doch vielversprechend. Schwungvoll malt der Professor Formeln an die Tafel. Dabei geht es aber gar nicht um taktische Tricks für die Fußball-Europameisterschaft, sondern um „elektromagnetische Felder“. Mich hätte der Vortrag „Wir beweisen Einsteins Relativitätstheorie“ mehr interessiert. Aber der beginnt erst um vier Uhr früh.

Viele lästern, die heutige Jugend sei verweichlicht. Völliger Quatsch! Auf den Knien durch Zürich robben ist weniger hart, als mitten in der Nacht Vorlesungen zu besuchen. Könnte man die Obersparer aus dem Roten Rathaus nicht mal in das Hörsaal-Zelt auf dem Potsdamer Platz entführen? Nur für 24 Stunden? Sicher wären sie gerührt vom Bildungshunger der Jugend. Und sie würden einsehen, dass man für viel Dümmeres Geld ausgeben kann als für die Wissenschaft.

Die Nonstop-Physikvorlesung auf dem Potsdamer Platz dauert heute noch bis mindestens 12 Uhr. Weitere Infos unter: www.physik.hu-berlin .de

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