Zeitung Heute : Mit der Bohème ins Büro

Sie sind da, wo man sie vermutet - und gehören zu Berlin wie Konopke's Currywurst. Dort trifft man sie, denn der Prenzlauer Berg ist ihr Revier. „Webworker“ sind überall da, wo Angestellte nur eine kurze Mittagspause einlegen oder sich auf ein Feierabend-Bier treffen. Stundenlang sitzen sie in Berliner Bars und Cafés, der Milchschaum des Latte so weiß wie der Laptop daneben. Für viele sind sie ein Rätsel. Freunde? Vielleicht online. Spaß? Frühestens, wenn es web 3.0 gibt. Geregelte Arbeit? Vergiss es.

Doch ein Nachmittag im Café hat für die meisten Internetarbeiter nicht viel mit gepflegtem Abhängen zu tun. Sascha Lobo und Holm Friebe haben es in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ beschrieben: Das Internet generiert immer mehr Jobs und Projekte ohne festes Büro. Die „Digitale Bohème“ nimmt ihre Arbeit mit nach draußen, trifft sich im Café Oberholz oder Gorki in Mitte oder dem Salon Schmück in Kreuzberg. Mit dem Macintosh allein zu Haus ist für viele längst kein Zustand mehr. Nicht verwunderlich also, dass die W-Lan-Gemeinschaft beim Thema Arbeit eigene Wege geht. Ihr neuestes Kind ist das „Hallenprojekt“: Eine Website, auf der Benutzer sehen, wer gerade wo ist, woran gearbeitet wird und ob gestört werden darf. Gezielt können Nutzer in ein „Büro“ gehen, wo bereits andere Web-Arbeiter sitzen, sich verabreden und bei Problemen um Hilfe fragen. Auf der Homepage finden sich neben Cafés auch private Räume, von Usern für andere User bereitgestellt. Von der Fabriketage bis zum Garten werden Bürogemeinschaften und Agenturen mit freien Plätzen in der ganzen Republik angezeigt. Bisher gibt es 30 Orte, von Berlin bis Saarbrücken. Hallenprojekt-Mitgründer Sebastian Sooth nennt es „Carsharing für Arbeitsplätze“: Wer spontan einen Platz zum Arbeiten braucht, kann ihn sich auf hallenprojekt.de suchen. Miete wird keine gezahlt, gearbeitet wird mit dem, was zur Verfügung gestellt wird. Lediglich den eigenen Laptop sollte man mitbringen, die vorhandene Infrastruktur wie W-Lan oder Drucker darf mitbenutzt werden. In Friedrichshain gibt es bereits eine erste „echte“ kleine Halle, ein Gewerbehof mit mehr Platz soll folgen. „Jeder möchte doch selbstbestimmt arbeiten“, sagt Soot. Die Bohème macht sich sesshaft. Simone Miesner

HALLENPROJEKT.DE

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