Zeitung Heute : Mit der Bombe vorgefahren

Alles ist wie damals in Bali – geht Jakarta auf das Konto derselben Terrorgruppe?

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta

Am Morgen danach stehen sie wieder eng beieinander an einem gelben Plastikband, das in Bauchhöhe über die Straße gespannt ist: Dutzende Reporter davor und Dutzende Polizisten, die den Tatort absperren, dahinter. Wieder Indonesien. Wieder eine große Bombe, höchstwahrscheinlich von Terroristen gezündet, die behaupten, gegen die USA und für den Islam zu kämpfen. Zehn Monate nach dem Anschlag auf die Partymeile der Urlaubsinsel Bali mit 202 Toten und 350 Verletzten liegen nun Leichen und Verwundete in Krankenhäusern der Hauptstadt Jakarta. Sie waren am Dienstag im oder vor dem Marriott-Hotel gewesen, als dort ein Sprengsatz explodierte.

Genau wie damals in Bali wissen alle, die nun 100 Meter entfernt von dem Bombenkrater stehen, dass hier vor ein paar Stunden noch Körperteile herumlagen. Wieder ist es fürchterlich still, das Entsetzen ist wortlos. Die Leute starren auf die verkohlten Stahlträger, die vom Vordach herabbaumeln, sie starren auf Scherben und auf Männer mit gelben Bauarbeiterhelmen, die Beweismittel suchen. Über ihnen wehen im Wind Vorhangfetzen aus glaslosen Fenstern. Früher funkelte die Fassade des „Marriott“ stolz in der Tropensonne. Komplett verglast war sie. Nun sind unten alle Scheiben kaputt, in der Mitte sehr viele, und auch oben, in den Stockwerken 25 bis 30, gibt es ein paar Fenster ohne Glas. „Warum?“, fragt ein indonesischer Kameramann leise.

Wie in Bali jagten die Täter ein mit Sprengstoff vollgepacktes Auto in die Luft – an einem Ort, an dem sie viele Amerikaner vermuteten. Das Hotel der amerikanischen Kette mit seinen feinen Restaurants galt als Treffpunkt von US-Bürgern in Jakarta. Doch an diesem Dienstagmittag waren offenbar kaum welche dort. Die Bombe tötete 13 Indonesier und einen Holländer. Zwei Amerikaner sollen unter den rund 150 Verletzten sein. Auch in Bali waren die wenigsten Opfer US-Bürger gewesen.

Wie ein riesiges Hufeisen sieht die Auffahrt zum Marriott in Jakarta aus, links geht es rauf zur Lobbytür, rechts wieder runter zur Straße. Mitte Juli sind die deutschen Tennisdamen eine Woche lang hier mehrmals am Tag vorgefahren, sie spielten im Federation-Cup gegen Indonesien und wohnten im Marriott.

Am Dienstag um Viertel vor eins kam diese Hufeisen-Einfahrt der Wagen mit der Bombe hochgerollt – bis vor die Lobbytür. In den guten Hotels der Millionenstadt werden zwar seit dem Bali-Anschlag am Tiefgarageneingang alle Autos gründlich durchsucht, doch vor die Lobbyeingänge, wo nur kurz gehalten werden darf, kann jeder ungehindert fahren.

In Bali hatten die Terroristen als Vehikel für den Sprengstoff einen Mitsubishi-Kleinbus benutzt, diesmal war es ein etwas kleinerer Toyota, das Modell „Kijang“, eine Mischung aus Kombi und Geländewagen, Indonesiens meistverkauftes Auto. Wahrscheinlich hielt der Bombentransporter nur ganz kurz. Die indonesische Polizei spricht von einem Selbstmordattentäter, der mit einem Sprengstoffmix unterwegs war, in dem unter anderem TNT und Kaliumchlorat gewesen sein sollen – wie in Bali. Und die Polizei spricht von Dokumenten, die sie vor vier Wochen gefunden habe mit Plänen für einen Anschlag in dem Stadtteil von Jakarta, wo das Marriott steht. Aber nur die Gegend, nicht das Hotel sei in den Plänen genannt worden.

„Uns liegen konkrete Hinweise darauf vor, dass in der Innenstadt Jakartas weitere Terrorakte geplant sind“, sagt Australiens Außenminister Alexander Downer. Und aus Singapur berichtet die Zeitung „Straits Times“, ein Mitglied der Terrorgruppe „Jemaah Islamiyah“ (JI) habe sich gemeldet – JI sei verantwortlich für das Attentat. Von einer „blutigen Warnung an Indonesiens Präsidentin Megawati Sukarnoputri“ habe er gesprochen und dann noch gesagt, dass „die Terrorkampagne in Indonesien und in der Region weitergeht, falls einer unserer muslimischen Brüder exekutiert wird“. Gemeint sind die Männer, die nach dem Bali-Anschlag festgenommen wurden, unter ihnen auch JI-Mitglieder, die gestanden haben, am Bali-Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Manche sind noch in Untersuchungshaft, andere stehen bereits in Bali vor Gericht, heute wird das erste Urteil gefällt: Der Angeklagte Amrozi, der den Spitznamen „Lächelnder Killer“ trägt, könnte zum Tode verurteilt werden.

Viele in Indonesien und im Ausland glauben, dass der Anschlag auf das Marriott mit dem Amrozi-Urteil zusammenhängt, dass er in der Tat Regierung und Justiz unter Druck setzen soll, die seit dem Bali-Anschlag gegen islamistische Extremisten vorgehen. Und einige glauben auch, dass das trotz vieler Ermittlungserfolge weiterhin notwendig ist; sie halten JI für den südostasiatischen Arm der Al Qaida. Das laut „Straits Times“ jetzt eingegangene JI-Bekenntnis zu dem jüngsten Anschlag verwirrt allerdings, denn die Gruppe hat sich in der Vergangenheit noch nie zu Anschlägen bekannt.

„Jakarta-Krankenhaus“ heißt die Klinik, die gleich um die Ecke vom Marriott liegt. Dritter Stock, ein langer Gang, das vorletzte Zimmer auf der rechten Seite: Ein hellgrünes Tuch hängt als Sichtschutz zwischen den beiden Betten. Am Fenster liegt Sari Puspita, 36 Jahre alt. Die Frau war im Restaurant, das im Marriott gleich neben der Lobby liegt. „Kaum hatte ich mich gesetzt, da knallte es“, erzählt sie. „Ich bin in die Luft geschleudert worden, wurde kurz ohnmächtig. Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Boden. Es war keiner mehr da, und ich sah nur noch Feuer und auf meinem Körper Hunderte Glassplitter.“ Sari arbeitet bei einer indonesischen Ölfirma, sie hatte ihren Chef zu einem Geschäftsessen begleitet. Nach der Explosion hat sie sich durch die Küche des Restaurants nach draußen geschleppt. Nun hat sie ein großes Pflaster auf der linken Kopfhälfte, sie weiß nicht, mit wie vielen Stichen sie genäht wurde. An ihren beiden Beinen sei die Haut verbrannt, sagt sie ohne Regung, und mit ihrem linken Auge sei etwas nicht in Ordnung, es ist ganz rot. Ihre Nachbarin im Krankenzimmer war auch im Restaurant. Ani Rachmayani und ihre Kollegen hatten Mittagspause. Sie nahmen an einem Fortbildungsseminar ihrer neuseeländischen Firma teil. „Beim Nachtisch knallte es“, sagt Rachmayani weinend. „Ich habe nichts gespürt, erst als ich draußen war, sah ich, dass meine Beine und Arme verbrannt sind. Was die Bombenleger gemacht haben, ist dumm, die haben Indonesier umgebracht, Landsleute, wenn sie Ausländer töten wollen, sollen sie das außerhalb Indonesiens machen. Und wenn sie der Regierung was zu sagen haben, sollen sie rauskommen und reden, anstatt so feige zu sein.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!