Zeitung Heute : Mit der Filztröte durchs Land

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Sie kommen aus der ganzen Welt, halten ihre Fähnchen in den Wind und klopfen sich stolz aufs Landeswappen. Hier stellen wir Fußballpilger vor, die loszogen, um nah dran zu sein.

Nach der Ankunft in Berlin ist Sietse van Echtelt erst einmal durch die Stadt gestapft. Brav hat er sich vor dem Reichstag angestellt und reichlich Leute aus der ganzen Welt kennen gelernt. „Wenn man allein ist, lernt man jeden Tag einen komplett neuen Freundeskreis kennen“, erklärt der Mann aus Utrecht. Aber er ist nicht nur zum Spaß nach Deutschland gereist. Er hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sietse möchte sich mit Fans aus jeder teilnehmenden Nation knipsen lassen. Stolz präsentiert er das Foto mit den Schweden. Sein erstes. Aber es ist ja noch ein bisschen Zeit. Tickets hat der 26-Jährige nicht bekommen, und er werde sich auch nicht um welche zu bemühen. Schließlich würden seine Landsleute außerhalb der Stadien schon genügend losmachen. Freudig berichtet er vom so genannten „Oranje Camping“ in Frankfurt am Main. „Viele tausend von uns werden da sein, einfach nur friedlich zelten und die Spiele im Fernsehen anschauen“, meint er. Aber heute Abend wird Sietse erst einmal in Leipzig sein. Trotz der Warnungen für Ausländer, nicht in den Osten zu fahren. Angst vor deutschen Hooligans, hat er generell nicht. Nur gestern unter der Brücke an der Berliner S-Bahn-Station Ostkreuz, zwischen Pitbulls und düsteren Gestalten, hätte er sich am liebsten schnell einen Pulli übergezogen. Aber für brenzlige Situationen habe er ja noch seinen Hut dabei. Hut? Seine Geheimwaffe. Mit ein paar schnellen Handgriffen bastelt Sietse aus der Filzkappe eine Tröte. Und die hat es in sich: Mit spitzem Mund erzeugt er diese Geräuschkulissen, die man noch aus den Heimspielen von Dynamo Kiew kennt. „So haben wir ’78 in Argentinien das Trötenverbot umgangen“, verrät Sietse mal eben so ein Staatsgeheimnis. Wenn jeder Holländer so eine mitbringt, wird’s laut.

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