Zeitung Heute : Mit der Kraft des Wassers

Amsterdam hat sich vor 400 Jahren mit dem Grachtengürtel neu erfunden und macht sich jetzt im nördlichen Hafengebiet fit für die Zukunft.

Stephanie Appenzeller
Eine Stadt erfindet sich neu. Vor 400 Jahren war die Planung des Grachtengürtels der „große Wurf“, heute entwickelt sich das Nördliche Hafengebiet (am oberen Bildrand) zum kern des Amsterdams des 21. Jahrhunderts. Foto: amsterdam marketing
Eine Stadt erfindet sich neu. Vor 400 Jahren war die Planung des Grachtengürtels der „große Wurf“, heute entwickelt sich das...Foto: dpa

Amsterdam hat 2013 zum großen Jubiläumjahr ausgerufen: 400 Jahre Grachten, 125 Jahre Konzerthaus und Königliches Konzerthausorchester, 175 Jahre Amsterdamer Zoo „Artis“, die Wiedereröffnung des Reichsmuseums und 40 Jahre Van Gogh Museum. Zudem ist nach langen Jahren des Umbaus und der Erweiterung endlich das Stedelijk Museum wiedereröffnet worden. Die Stadträtin Carolien Gehrels sagte unlängst gegenüber der niederländischen Zeitung Volkskrant: „Historisch und modern, das ist Amsterdam. 400 Jahre alte Grachten, auf denen elektrische Boote fahren. Das Stedelijk Museum, das mit einer Badewanne erweitert wird.“ Hiermit meint sie den Entwurf des niederländischen Architekturbüros Benthem Crouwel Architekten, dessen Form tatsächlich einer Badewanne gleicht. Eine Badewanne am Stedelijk Museum und Elektroboote auf historischen Grachten – die Stadt Amsterdam ist eine Meisterin darin, sich selbst immer wieder neu zu erfinden. Das war vor vier Jahrhunderten so und zeigt sich bis in die Gegenwart beim spektakulären Umbau des Bahnhofs, der damit verbundenen Rückkehr der Stadt ans Wasser, sowie der Entwicklung der Stadt rund um den alten Meeresarm Ij.

Glaubt man Wissenschaftlern, sind Menschen am zufriedensten, wenn sie viele Wahlmöglichkeiten haben. Bei der Betrachtung des enormen weltweiten Erfolgs der Innenstadt Amsterdams, einer komplett durchgeplanten städtebaulichen Meisterleistung des 17. Jahrhunderts, sind sie im Unrecht. Man könnte gerade diesen Wissenschaftlern aber auch Recht geben, denn es gibt eben im Norden der Stadt am anderen Ufer des Ij ein Beispiel für eben diese Freiheit, die uns Menschen so glücklich zu mac hen scheint. Beide Stadterweiterungen, so verschieden sie auch sein mögen, haben mehr miteinander zu tun, als man auf den ersten Blick meinen mag.

Im Jahr 1613 beschloss die Stadtverwaltung Amsterdams zusammen mit reichen Kaufleuten, die Stadt im großen Stil zu erweitern, um der enormen Zuwanderung von Einwohnern und Händlern Herr werden zu können. Sie sahen die Kraft des Wassers und die Chancen für wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung, eine Weltstadt im Werden. Und sie übersetzten diese Vision in eine einzigartige architektonische Lösung, die seit 2010 auf der Liste des UNESCO Weltkulturerbe steht. Die drei neuen Grachten Herengracht, Keizersgracht und Prinsengracht, wurden ringförmig um den Singel gelegt und verdoppelten die Fläche Amsterdams. Die Häuser an den Grachten wurden im Laufe der Jahre mit zunehmendem Wohlstand immer größer und stets prächtiger verziert, jedes einzelne erzählte die persönliche Geschichte des jeweiligen Besitzers. Auf dem Höhepunkt dieses „Goldenen Zeitalters“ wurden an der Herengracht die Häuser an der „Goldenen Kurve“ gebaut, die noch heute Symbol sind für die Zeit, als Amsterdam eine der reichsten Städte der Erde war. Die Erweiterung dauerte mehrere Jahrzehnte, Amsterdam wurde mit 220 000 Einwohnern hinter London und Paris zur drittgrößten Stadt Europas. Das war im Jahr 1680. In den Jahren 1697 und 1717 reiste der Zar Peter der Große durch Europa und blieb beinah ein Jahr in den Niederlanden, um das westeuropäische Leben kennen zu lernen und um Schiffsbau zu studieren. Als besonderer Gast durfte er die Niederländische Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie V.O.C.) besuchen, um in der weltweit größten Schiffswerft alles zu lernen was er brauchte, um in Russland seine eigene Flotte zu bauen. Während seines Aufenthalts traf er viele Künstler, Wissenschaftler, Geschäftsleute und Mitglieder königlicher Häuser. Seine temporäre Unterkunft in der Stadt Zaandam wurde umgetauft auf Zar Peter Haus und ist heute ein Museum. In der Hermitage Amsterdam findet momentan eine Ausstellung über Zar Peter den Großen statt, in der seine Begegnungen und Aufenthaltsorte in den Niederlanden eine zentrale Rolle spielen.

Durch den Erfolg des Grachtengürtels kam es Ende der 90er Jahre zu einem hohen Maß an Gentrifizierung, die dazu führte, dass ein Teil der Bewohner der Innenstadt, viele Aktivisten, Künstler und Handwerker, gezwungenermaßen ihre Wohn- und Arbeitsumgebung verlassen mussten. Als Antwort auf diese dramatische Veränderung der kulturellen Landschaft gründete die Stadt den „Fonds für Brutplätze“ (Broedplaatsen fonds), da das Image der Stadt als sicherer Hafen für Kreative Schaden zu nehmen drohte. Ungefähr 41 Millionen Euro wurden bereitgestellt, um Brutplätze für Künstler und kulturelle Unternehmer zu unterstützen.

Seit der Eröffnung des Hauptbahnhofs1889 war das Südufer des Ij die unsichtbare Rückseite Amsterdams, zum großen Teil verborgen hinter den beiden Bahnsteighallen. Begrenzt durch Bahnhof, Bahndeiche und Hafengebiete entstand eine Barriere zwischen Fluss und Innenstadt. Das Nordufer, zu Anfang noch agrarisches Gebiet und seit Beginn des 20. Jahrhunderts Industriegebiet, war seit den 20er Jahren besetzt durch die Ölfirma Shell, Schiffswerften und die dazugehörige Industrie. Für beide Ufer galt: Wer dort nicht arbeitete, ging dort nicht hin.

Mit dem Umbau des Hauptbahnhofs und der Neustrukturierung des öffentlichen Personennahverkehrs entsteht momentan ein neuer Mittelpunkt. Nachbarschaften werden miteinander verbunden und der Fluss rückt so wie in anderen großen europäischen Städten ins Zentrum des Geschehens. Die vom niederländischen Architekten Wiel Arets entworfenen „Ij“-Halle, gelegen am Wasser an der früheren Rückseite des Bahnhofs, wird mit Gastronomie, Freizeiteinrichtungen und Serviceeinrichtungen für den Bahnhof der Nucleus für Fußgänger. Mit der Öffnung zum Wasser und später der Nord-Süd Metroverbindung wird Amsterdam Nord endgültig mit dem Rest der Stadt verbunden. Heute schon kann man bequem mit Fähren für Fußgänger und Radfahrer nach Nord kommen, oder mit dem Auto durch den Ij-Tunnel. Im Zuge dieser Entwicklung rund um das Ij entstanden an beiden Ufern verschiedene kulturelle Einrichtungen. Das Muziekgebouw aan ´t Ij (ein Konzerthaus), die neue städtische Bibliothek, das Musikkonservatorium und als neuestes und sicherlich spektakulärstes Gebäude das Filminstitut EYE des Wiener Architekturbüros Delugan Meissl.

Das südliche Ij-Ufer hat sich in der Zwischenzeit enorm verändert und wurde zu einem attraktiven Wohn- und Arbeitsviertel mit Anziehungskraft weit über die Grenzen Amsterdams hinaus. Bis es so weit kam, hatten die beteiligten Parteien größere Hürden zu nehmen. So mancher visionäre Plan überlebte den zum Teil bizarren Prozess nicht. So auch der 1990 vorgestellte Plan, den der berühmteste Architekt der Niederlande Rem Kohlhaas im Auftrag der öffentlich-privaten Partnerschaft „Amsterdam Waterfront Finance Group“ entwarf. Nach dem Scheitern dieses ersten großen Masterplans für das Gebiet entschied sich die Stadt Amsterdam für eine integrale Stadtentwicklung in Teilabschnitten, weg vom längst überholten städtebaulichen Ansatz eines „großen Wurfes“. Hierbei mögen wir uns daran erinnern, dass eben dieser „große Wurf“ vor 400 Jahren bei der Planung des Grachtengürtels so erfolgreich war.

Jetzt, wo die Transformation des Südufers weit fortgeschritten ist, verschieben sich die Aktivitäten verstärkt nach Norden. Nach den Umsatzrückgängen im Schiffsbau in den 70er Jahren und den veränderten ökonomischen Bedingungen, die zu einer Verlagerung der Aktivitäten im Hafengebiet in Richtung Westen führten, blieb dieses Gebiet verwahrlost zurück. Prostituierte fanden ihren Weg nach Nord, aber auch Künstler, Skater und die Amsterdamer Hausbesetzerszene ergriffen ihre Chance und zogen in die leer stehenden Lagerhäuser ein. Ganz im Gegensatz zum Ansatz am südlichen Ufer des Ij, bei dem viele bestehende Gebäude abgerissen wurden, um neu beginnen zu können, gab es in Nord bei der in den 90er Jahren einsetzenden Entwicklung kein vorher festgelegtes Programm, sondern vor allem Entwicklungsstrategien, die viel Raum ließen für Bottom-Up Entwicklungen und temporäre Nutzungen. Eine Vielzahl Initiativen wie der schon erwähnte „Fonds für Brutplätze“ tauchten auf, die das entstandene Vakuum nutzten. 2001 wurde am Ende eines intensiven Diskussionsprozesses über diesen Teil der Stadt eine Vision für Amsterdam Nord formuliert, „Panorama Nord“. Der Begriff „Transformation“ steht hierbei zentral. Ganz deutlich geht es um eine Qualitätsverbesserung bestehender Nachbarschaften, Intensivierung der Flächennutzung mit Erhalt der Grünstrukturen und die Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten für Gründer aller Couleur. In den alten Hafenhallen soll so eine möglichst breite Funktionsmischung entstehen. Die durch Gentrifizierung aus dem Grachtengürtel verdrängten Bevölkerungsgruppen fanden hier ein neues Unterkommen.

Eines der sehr erfolgreichen Beispiele in Nord ist die Transformation der früheren NSDM-Werft (Niederländische Dock- und Schiffsbau Gesellschaft) deren heutige Nutzer diesen Ort als „Selfmade City“ bezeichnen, exemplarisch für ihre Sichtweise auf dieses Stück Stadt. Eine Künstlergruppe formte die Gruppe „Kinetisch Nord“ und beteiligte sich an einem von der Stadtverwaltung Amsterdam ausgeschriebenen offenen Wettbewerb. Die Stadt suchte einen Unternehmer aus dem Kulturbereich mit einer klaren Vision, um der alten Werft neues Leben einzuhauchen. Die Künstlergruppe gewann den Wettbewerb. Wo im 20. Jahrhundert dutzende berühmte Passagierschiffe und Mammuttanker vom Stapel liefen, finden heute Kulturfestivals statt, in den Hallen arbeiten Künstler und Handwerker. Selbstverständlich ist dieser kreative Hotspot mit einer Mischung aus experimentellem Unternehmergeist, rauer Werft-Atmosphäre und „Out of the box“-Denken von den großen Spielern in der kreativen Branche nicht unbemerkt geblieben. Einige denkmalgeschützte Gebäude wie zum Beispiel die alte Zimmerei oder die Schmiede sind aus diesem Grund inzwischen umgebaut worden und beherbergen die hippen Büros von unter anderem MTV und Red Bull. Hiermit ist die Gentrifizierung gewissermaßen auch in Nord angekommen. Der große Unterschied zu den Entwicklungen im Grachtengürtel ist jedoch, dass Nord mit seinen Initiativen im Grenzgebiet zwischen Kunst, neuen Technologien und Nachhaltigkeit ein experimentelles Stadtgebiet bleiben wird, ohne festgelegtes Endziel.

Wie zukunftsweisend und vorausschauend die zweite Neuerfindung Amsterdams ist, zeigt sich in diesen Tagen, da die Krise im Bau- und Wohnungsmarkt auch in Amsterdam angekommen ist. Viele der Initiativen in Nord erfordern keine großen Investitionen, die temporäre Nutzung von Baugrundstücken hat in den Niederlanden und insbesondere in diesem Gebiet Tradition und ist zugleich Programm. Der kreative Motor Amsterdams dreht sich weiter, vielleicht auf niedrigeren Touren, aber um Leerlauf oder Absterben muss man sich wohl keine Sorgen machen.

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