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Die Wirtschaft sucht händeringend nach Nachwuchs-Ingenieuren. Auch in Berlin und Brandenburg

Andreas Monning

Wer sich auch immer um seine berufliche Zukunft sorgen muss, Absolventen von ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen gehören jedenfalls nicht dazu. Grund: Ein nach wie vor eklatanter Mangel an Ingenieurnachwuchs, der aktuell 15 000 Absolventen pro Jahr beträgt. Laut Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sind vor allem Maschinenbauer, Elektrotechniker und Bauingenieure sehr gefragt.

Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) rechnet mit 5000 Neueinstellungen pro Jahr bis 2010. Rainer Bechtold vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) meldet für seine Branche gar einen jährlichen Bedarf von 13 000 Elektroingenieuren, Tendenz steigend. Insgesamt 50 000 Ingenieure und mehr benötige die deutsche Wirtschaft Jahr für Jahr, erklärt Sven Reinkel vom Verband Deutscher Ingenieure (VDI). Die Zahl der Absolventen liege allerdings gerade mal bei 35 000.

Die enorme Nachfrage hat mehrere Ursachen. Zum einen erwarten große Teile der deutschen Technikbranche mittelfristig Umsatz- und Produktionssteigerungen. Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ergab, dass von 1000 Firmen mit Aufgabenbereichen für Ingenieure die Hälfte aller forschenden Unternehmen in den nächsten Jahren mit steigenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung rechnen, knapp 27 Prozent schätzen, dass ihr Bedarf an Ingenieuren weiter wachsen wird. Dazu kommt, dass Technikbetriebe heutzutage unter massivem Innovationsdruck stehen und vor allem junge Absolventen benötigen, die das neuste Branchen-Know-how mitbringen.

Regional bestehen hinsichtlich des Ingenieurbedarfs allerdings erhebliche Unterschiede: Während sich die Beschäftigungsaussichten insbesondere in Baden-Württemberg, Bayern, Saarland, Hessen und Bremen weiter positiv entwickeln dürften, rechnen die neuen Bundesländer eher mit einer Stagnation. Hauptverursacher: Der schwache Bausektor, der den ostdeutschen Markt dominiert und für den die Prognosen weiter nach unten weisen. In den übrigen Branchen geht es zwar auch in den neuen Ländern bergauf, die Beschäftigungszuwächse können die Gesamtbilanz indes nicht retten.

Siegfried Brandt, Vorsitzender des VDI Landesverbandes Berlin und Brandenburg, weiß trotzdem Positives zu vermelden. „In den klassischen Industrien sieht es hierzulande zwar nicht so gut aus“, bemerkt der Projektleiter der Berliner Alstom Power Conversion. „Dafür bringt die hohe Wissenschaftsdichte bemerkenswerte Forschungs- und Gründeraktivitäten mit sich“. In der Region entstünden vor allem im Bereich „Life-Science“ neue Betriebe, die Fachkräfte aus den Bereichen Medizin-, Bio-, Nano- und Microsystemtechnologie benötigten – alles Fachrichtungen, die von den Hochschulen der Gegend angeboten werden.

Wer sich für ein ingenieurwissenschaftliches Studium interessiert, sollte zunächst die angestrebte Fachrichtung definieren, auch in Hinblick auf die Berufschancen. Für viele Studiengänge sind Praktika schon vor Beginn Pflicht, manche Hochschulen lassen Bewerber auch eine Befähigungsprüfung absolvieren.

Bei der Wahl der Hochschule spielen Fächerangebot, Qualität der Lehre und Renommee der Uni eine Rolle, aber auch Faktoren wie die Studenten-Dozenten-Relation, die an ostdeutschen Hochschulen und kleineren Standorten im Schnitt besser ist als an Kaderschmieden und Hochschulen in Großstädten. Bei den Abschlüssen ist die Umstellung von Diplom auf Bachelor/Master-Studiengänge in vollem Gange. Kleine Betriebe tun sich mit den neuen Abschlüssen noch schwer, für eine internationale Karriere im Großkonzern dagegen sind sie längst ein „must“.

Ingenieure, die den Sprung von der Uni in den Job schaffen, erhalten ein ansehnliches Einstiegsjahresgehalt zwischen 38 000 und 44 000 Euro. Maschinenbauer liegen im oberen Bereich, Bauingenieure eher im unteren. Ein Lohngefälle zwischen neuen und alten Bundesländern gibt es dem VDI Berlin-Brandenburg zufolge aufgrund der überregional bewerberfreundlichen Nachfragesituation kaum. Häufig ist der Übergang von der Hochschule ins Unternehmen fließend: Studierende fangen noch während der Ausbildung als Werkstudenten in einen Betrieb an, schreiben ihre Abschlussarbeit direkt bei der Firma – und können oft nahtlos in den Job einsteigen.

Dass trotz Mangelsituation aktuell 65 000 Ingenieure ohne Job sind, erklärt Siegfried Brandt so: „Die meisten sind 55 Jahre und älter. Ältere Ingenieure sind zum einen teurer, zum anderen Opfer der enormen Innovationsgeschwindigkeit, die höher ist als in allen anderen Berufen.“ Auch kommende Ingenieurgenerationen müssten sich daher auf kontinuierliche Weiterbildung einstellen.

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