Zeitung Heute : Mit der Vergangenheit beschäftigen

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Wahrscheinlich handelt es sich um die kürzeste Straße Berlins – und die hässlichste. Sie wird von keinem Haus gesäumt, überquert auf ihren 15 Metern Länge die Gleise einer Industriebahn und endet an einem verschlossenen Tor. „Robert-W.-KempnerStraße“, las mein Sohn, „wer ist denn das?“ Nun, Kempner war Vertreter der Anklage im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. „War wohl nicht besonders beliebt, der Mann. Da hätte ich ja lieber gar keine Straße als so eine.“ Was soll man dazu sagen?

Ich habe mir dann „Der Untergang“ angeguckt. Könnte ja sein, dass der Film geeignet ist, die Kriegsverbrecherfrage noch einmal anzuschneiden. Der Junge ist 13, der Film ist ab zwölf, Prädikat besonders wertvoll. Aber ich bin allein rein, wollte erst mal testen.

Was würde mein Sohn also zu sehen kriegen? Einen alten kranken Mann, den sie den Führer nennen, mit zitternden Händen, voll wahnhafter Vorstellungen. Und einen zynischen Goebbels, der seine eigenen Kinder töten lässt. Glasklar: Das sind die Kriegsverbrecher.

Er würde SS-Gruppenführer Mohnke sehen, den Verteidiger des Regierungsviertels. Zuverlässiger Mann, direkt sympathisch. Voller Mitgefühl für die Volkssturmleute, die sinnlos durchs Schussfeld irrlichtern, seiner SS nur im Weg stehen. Denn das sind die Profis in Tarnanzügen, die Unbeirrbaren, die Getreuesten der Treuen. Gut sehen sie aus, in ihren Waffen und Uniformen.

Er würde Professor Schenck sehen, einen SS–Arzt, der für seine Patienten alles gibt. Der den Wahnsinn erkennt, begreift, dass Krieg Leiden bedeutet. Er erkennt das allerdings erst zwei Wochen vor Kriegsende, der Russe steht bereits auf Sichtweite. Womit sich der gute SS-Arzt Schenck vorher beschäftigt hat, in den KZs Dachau und Mauthausen? Der Film würde es meinem Sohn nicht sagen. Er würde ein sehr junges Paar sehen, schön wie Tristan und Isolde, die den Russen die Stirn bieten und die letzte Patrone für sich aufsparen, niedersinken neben ihrer Kanone. Ja, der Junge würde große Gesten zu sehen kriegen, die ihn ganz sicher beeindrucken.

Was wäre das für eine Botschaft, die er da empfangen würde? Keine, von der ich glaube, dass er sie braucht.

Die Robert-W.-Kempner-Straße ist am Dahlemer Weg in Zehlendorf.

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