Zeitung Heute : Mit deutscher Gründlichkeit

Warum die Elektrizitätsversorger hier zu Lande davon ausgehen, dass der große Stromausfall äußerst unwahrscheinlich ist

Gideon Heimann

Der Lebenssaft der modernen Industrie- und vor allem der Informationsgesellschaft stockt immer öfter: der elektrische Strom. Tagelange Ausfälle in den USA, stundenlange Dunkelheit in England und Skandinavien, ständige Unsicherheit in Italien. Und dort kam es in der Nacht zum Sonntag besonders hart. Bis nach Rom hinein herrschte der Blackout: Agenturen zitieren Sprecher der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft ACEA, wonach insgesamt 57 Millionen Menschen betroffen waren – das Ausmaß war damit also größer als jenes, das beim Stromausfall Ende August in den USA verzeichnet wurde.

Zwar kam die Versorgung teilweise schon in den Morgenstunden des Sonntags wieder in Gang. Aber die großflächige Unterbrechung wirft Fragen auf: Was ist los in der italienischen, der europäischen, in der weltweiten Stromversorgung?

Die nahe liegendste Vermutung dürfte die richtige sein: Die Infrastruktur wird kaputtgespart. Das Beispiel Italien mag warnen, denn in Deutschland ist weitgehend alles in Ordnung – aber wie lange noch?

Fest steht, dass Italien es sich zu einfach gemacht hat. Die Technik des dortigen Kraftwerksparks stößt immer wieder an Grenzen, weil sie nicht auf lang anhaltende Extremwetterlagen, wie sie in diesem Sommer herrschten, eingerichtet ist. Oft fehlte es an Flusswasser, das zur Kühlung der Anlagen dringend benötigt wird.

Hinzu kommt, dass Italien den Bau eigener Werke zumindest in den vergangenen zehn Jahren vernachlässigt hat: Fast die Hälfte der dort verbrauchten Elektrizität kommt nicht aus dem eigenen Land, den Großteil liefern französische Anlagen. Denn die Franzosen, die sich in ihrer Produktion zu rund 80 Prozent auf die Kernkraft stützen, exportieren insgesamt gut zwei Drittel. Wegen des sehr warmen Wetters in diesem Sommer aber stieg der Stromverbrauch überall rapide. So nutzen auch immer mehr Italiener die Vorteile von Klimaanlagen.

Ausgeglichene Bilanz

Transportiert wird Elektrizität meist über Überland-Hochspannungsleitungen mit 400 000 Volt. Italien versorgt sich über 16 Leitungen aus dem Ausland, davon waren zwei aus Frankreich ausgefallen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es ein Gewitter, das diese internationalen Lebensadern außer Betrieb blitzte. Diese beiden Versorgungsstränge leisteten zum Zeitpunkt der Unterbrechung rund 3000 Megawatt. Zum Vergleich: Berlins Kraftwerke verfügen über eine installierte Leistung von insgesamt etwa 2700 MW.

Deutschlands Strombilanz hingegen ist bis auf eine kaum nennenswerte Einfuhr ausgeglichen. Hier hatten die Versorger jahrzehntelang eine Quasi-Monopolstellung in ihrem Einzugsgebiet. Das ermöglichte Tarife, die mehr als auskömmlich waren, an der Infrastruktur brauchte also nicht gespart zu werden. Im Gegenteil: Hier stand die Versorgungssicherheit im Vordergrund, angemessene Kapazitäten wurden errichtet, die Netze engmaschig und zuverlässig ausgebaut. Insofern sind die Stellungnahmen der Unternehmen durchaus berechtigt, wenn sie betonen, solche Stromausfälle seien in Deutschland äußerst unwahrscheinlich.

Mit fortschreitender Liberalisierung des Strommarkts in Deutschland jedoch rückt der Kampf um Abnehmer in den Vordergrund. Damit wird der Preis zum entscheidenden Argument. Und der lässt sich vor allem dann drücken, wenn „Überkapazitäten“ abgeschaltet werden. Freilich könnte genau das zu einer Zuspitzung führen, die die sichere Versorgung angreifbar macht – solche Worte hört man auch aus der Branche selbst.

Zudem bringt das Wetter auch hier Unsicherheiten – unter der Sommerglut litten nur solche Anlagen nicht so stark, die mit ausreichenden Kühltürmen ausgestattet sind und an genug Wasser herankamen. Vorsorge wäre überall nötig, aber die kostet Geld.

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