Zeitung Heute : Mit eigenen Worten

Osama bin Laden droht den Schiiten im Irak mit Vergeltung. Das zeigt, wie sehr er um seine Führungsrolle fürchtet

Andrea Nüsse[Kairo]

Terroristenführer Osama bin Laden hat den Schiiten im Irak in einer Internetbotschaft „Völkermord“ an den Sunniten vorgeworfen. Was könnte er damit bezwecken?


Innerhalb von wenigen Tagen hat sich Osama bin Laden ein zweites Mal zu Wort gemeldet. Nachdem der Al-Qaida-Führer zunächst den in Irak getöteten Terroristen Abu Musab al Sarkawi als Märtyrer gelobt hatte, segnete er jetzt dessen Feldzug gegen die Schiiten ab. Sollte die Botschaft echt sein, käme das einer Kehrtwende im Denken Osama bin Ladens gleich. In der Vergangenheit hatte die Al-Qaida-Führung al Sarkawi dafür kritisiert, dass er in Irak nicht nur gegen die amerikanischen Besatzungstruppen, sondern auch gegen die Schiiten kämpft.

In der neuen Botschaft beschuldigt bin Laden jetzt die Schiiten des „Völkermords“ an den Sunniten. Er warnt die Schiiten, sich an Militäraktionen der Amerikaner in sunnitischen Hochburgen zu beteiligen. Dies werde „Reaktionen und Schaden“ über sie bringen. Die Regierungsmitglieder des schiitischen Premierministers Nuri al-Maliki bezeichnete er als „Verräter“. Oberstes Ziel sei es, die Amerikaner aus dem Land zu vertreiben. Danach sollten die Führer jener Parteien bestraft werden, welche die Lüge verbreitet hätten, die Beteiligung am politischen Prozess werde zur Beendigung der Besatzung führen, heißt es weiter. Damit sind die schiitischen Gruppen gemeint.

Im vergangenen Jahr hatte das US-Militär eine angebliche Botschaft der Nummer zwei der Al Qaida, Ayman al Sawahiri, an Sarkawi abgefangen. Darin war Sarkawi gewarnt worden, die Politik der öffentlichen Enthauptungen und der Attentate auf Schiiten fortzusetzen. Mit systematischen Anschlägen auf schiitische Heiligtümer, zuletzt in Samarra, hatte Sarkawi den sunnitisch-schiitischen Bürgerkrieg gezielt geschürt. Dies gefährde die Popularität der Bewegung, argumentierte der Ägypter Sawahiri in jenem Brief. Am Sonntag beklagte Sarkawis erste Ehefrau Um Mohammed in einem Zeitungsinterview, ihr Mann sei von den eigenen Leuten „an die Amerikaner verkauft“ worden.

Allerdings wurde bereits in dem Schreiben Sawahiris, dessen Authentizität nicht völlig geklärt ist, deutlich, dass die Al-Qaida-Führung die Schiiten verachtet. Sie stellten eine „Gefahr für den Islam“ dar und ihre religiösen Schulen seien auf „Übertreibung und Lüge“ gegründet. In der Vergangenheit hätten sie mit den Feinden des Islam kooperiert – so wie sie es jetzt wieder täten, hieß es in dem Brief von 2005.

Über die Motive Osama bin Ladens kann nur spekuliert werden. Möglicherweise will er gegenüber Sarkawis Nachfolger seinen Anspruch auf spirituelle und politische Führung bekräftigen. Sarkawi hatte einen eigenen Weg eingeschlagen, der auch in der Umbenennung seiner Gruppe sichtbar wurde. Sein Nachfolger Abu Hamza al Muhajer ist die Nummer 30 auf der Liste der am meisten gesuchten Iraker, welche die Regierung in Bagdad am Sonntag vorstellte. Darauf sind auch die Ehefrau Saddam Husseins und dessen Tochter Raghad aufgelistet, die Gelder an die Aufständischen weiterleiten sollen.

Zwar beschränken sich bin Ladens Drohungen gegen die Schiiten auf den Irak, aber die neue Botschaft könnte auch das Verhältnis von Sunniten und Schiiten in anderen arabischen Ländern weiter verschlechtern. Insbesondere in den Golfstaaten und in Saudi-Arabien sind die Schiiten eine Minderheit, die teilweise stark unterdrückt wird. Viele Wahabiten in Saudi-Arabien erkennen die Schiiten bisher nicht als Muslime an. Das Misstrauen vieler Sunniten gegenüber den Schiiten, über deren Religion sie in der Regel wenig wissen, ist groß. Der neue kämpferische Ton gegenüber den Schiiten in Irak könnte dieses gespannte Verhältnis weiter belasten.

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