Zeitung Heute : „Mit einem Federstrich“

Alexander Gauland, Herausgeber der Märkischen Allgemeinen in Potsdam

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Nein, die Wahl ist nicht entschieden, denn fast bis zuletzt gilt Harold Wilsons berühmter Satz: „Eine Woche ist in der Politik eine sehr lange Zeit.“ Jede außenpolitische Katastrophe und jede neue Schmiergeldaffäre können den knappen Vorsprung von Schwarz-Gelb abschmelzen und Gerhard Schröder zu einem zweiten Sieg verhelfen. Die Frage müsste also lauten: Unterstellt es geschieht nichts Überraschendes, ist die Wahl dann entschieden?

Selbst bei einem solchen Szenario habe ich Zweifel, auch wenn Frau Noelle-Neumann gern erklärt, wer mit einem Vorsprung in die großen Ferien geht, hält diesen bis ins Ziel. Denn anders als vor vier Jahren gibt es keine Wechselstimmung im Lande. Nicht der Überdruss am Kanzler wie 1998 an Helmut Kohl dominiert die Stimmung, sondern eher eine müde Verzweiflung über die Politik als solche. Für diejenigen, die nicht schwul, keine Zuwanderer aber arbeitslos sind, haben die letzten vier Jahre wenig gebracht und die Begünstigen von Riester-Rente und Steuerreform schauen missmutig auf das Provisorische beider Operationen. Der Kanzler der neuen Mitte konnte diese nicht zufrieden stellen, aber die alten Anhänger auch nicht. Und nachdem der rechte Stoiber nicht richtig rechts sein will, sondern sozial und familienfreundlich ist auch die „political correctness“ nicht mobilisierbar.

Bleibt als letzte Wahlhoffnung die Angst vor einem Krieg. Die amerikanische Rhetorik des Bösen kann den Kanzler noch retten, weil die jüngste Angst immer die fühlbarste ist und weil viele Wähler den Kosovo-Krieg und die uneingeschränkte Solidarität nach dem 11. September schon vergessen haben. Also, entschieden ist noch nichts, aber Stoibers Problem heißt weder Schröder noch Hartz, sondern Bush. Er kann die deutsche Wahl mit einem Federstrich entscheiden. Foto: R/D

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