Zeitung Heute : Mit einer Flasche beworfen wegen zu dunkler Haut

Der Tagesspiegel

Der Alltag bringt die Erinnerung immer wieder zurück. Wenn sie auf einem S-Bahnsteig steht oder wenn lärmende Passanten auf sie zukommen, fühlt sich Desire P. „wie zurückkatapultiert". Die dunkelhäutige Studentin und ihre Mutter wurden vor 18 Monaten auf dem S-Bahnhof Springpfuhl in Marzahn Opfer eines rassistischen Überfalls. Gestern mussten sich zwei der Angreifer vor einem Jugendschöffengericht verantworten.

Angespannt sprach Desire P. über den regnerischen Sommertag. Sie hat die Szene vor Augen: „Es ist ein einziges Jubeln. Die Flasche trifft mich, meine Mutter wird zu Boden gestoßen, und sie jubeln, jubeln, jubeln." Als die fast volle 1,5-Liter-Plastikflasche ihren Kopf traf, grölten die jungen Männer „Tor“. Sie bespritzten Desire P. mit Bier und beschimpften sie als „Niggerschlampe". Ihre Mutter, die damals auf eine Krücke angewiesen war, wurde geschubst und fiel.

Die beiden Angeklagten sind heute 19 und 21 Jahre alt. Beide sind arbeitslos. Am 15. August 2000 kamen die Angreifer zu viert grölend und angetrunken vom S-Bahnhof die Treppe hinauf. Ihr Opfer hatten sie schon ausgemacht: Desire P., klein und schmächtig. Die Studentin der Afrikanistik ging ein paar Meter vor ihrer Mutter. Einer der Jugendlichen gab den Anstoß für den Übergriff: „Scheiß Ausländer, du hast hier nichts verloren." Roswitha P. hörte die ersten Beschimpfingen nicht. Die Mutter ahnte aber, dass die Jugendlichen nichts Gutes im Schilde führen. Die 47-jährige Bibliothekarin wollte mit ihnen reden. Doch einer der Angeklagten fasste sich in den Schritt, machte obszöne Gesten, schubste die ä ltere Frau. Sie habe nur gedacht: „Ich muss schnell aufstehen, ich muss meiner Tochter helfen!“, sagte sie. Denn bereits 1997 war Desire P. Opfer eines Überfalls, auch damals geschah es am S-Bahnhof Springpfuhl. Skinheads hatten die junge Frau zusammengeschlagen.

Der zur Tatzeit 17-jährige Christian T. sagte, er sei betrunken gewesen und könne sich nicht erinnern. Es sei aber möglich, dass er ausländerfeindliche Parolen gebrüllt habe. „Ich hatte mich erst ein halbes Jahr vorher aus der rechten Szene gelöst, die Ideologie war wohl noch in meinem Kopf." Normen B. sagte, er habe „nur ein bisschen mit Bier gespritzt".

Desire P. weiß, dass die Angeklagten kurz nach der Tat gefasst wurden. Doch auf den Prozess musste sie lange warten. Als Opfer sei sie „scheibchenweise zermürbt" worden mit Nachrichten wie „Akten liegen nicht vor" oder „Verfahren in einem Fall eingestellt".

Gegen Christian T. verhä ngte das Gericht eine neunmonatige Bewährungsstrafe wegen Beleidigung und Körperverletzung, gegen Normen B. eine Geldstrafe von 280 Euro wegen Beleidigung. „Schrecklich, was Dumpfheit gepaart mit Alkohol ausrichten kann", hieß es im Urteil. Kerstin Gehrke

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