Zeitung Heute : Mit einer Hand voll Stimmen

Matthias Thibaut[London]

Vor der britischen Unterhauswahl liegt die Labour-Partei des amtierenden Premierministers Tony Blair in allen Umfragen klar vorn. Könnte es sein, dass er trotz der großen Zustimmung verliert?

Die Unterhauswahl am Donnerstag wird spannend. Denn britische Wähler legen sich in Meinungsumfragen nur ungern fest. So sind nach einer Umfrage des Mori-Instituts noch 36 Prozent unentschieden. Was aber die Wahl vor allem anderen spannend bis zuletzt macht, ist das britische Wahlsystem.

In jedem der 646 Wahlkreise gibt es nur einen Gewinner – und jede Menge Verlierer. Wenn am Donnerstag um 22 Uhr die Wahllokale schließen, wird nicht, wie in Deutschland, eine schnelle Hochrechung den Wahlausgang ziemlich präzise vorhersagen können. In einer langen, ergebnisoffenen Wahlnacht wird ein Kreis nach dem anderen ausgezählt. Es gewinnt die Partei, die zuerst 324 Sitze hat.

Aber: Man kann einen Wahlkreis mit 64 Prozent der Stimmen gewinnen – wie Tony Blair beim vergangenen Mal in Sedgefield – oder mit 29 Prozent, wie der Liberaldemokrat Alan Reid in Argyll&Bute. 71 Prozent der Stimmen hatten keine Auswirkungen, weil sie sich auf zu viele Kandidaten verteilten, von denen keiner mehr als 29 Prozent auf sich vereinigen konnte. Manchmal gibt sogar eine Hand voll Wähler den Ausschlag. In Cheadle hatte der Liberaldemokrat 33 Stimmen Vorsprung – hätten auch nur 17 der 43606 Wähler statt des liberalen den konservativen Kandidaten gewählt, hätte der gewonnen.

Das erklärt, warum sich die Parteien jetzt auf die Kreise mit einem vorhersehbar knappen Ergebnis konzentrieren. Die800000Wechselwähler in diesen Kreisen werden wohl die Wahl entscheiden – das sind zwei Prozent der Wahlberechtigten. Sie werden nun mit allen Mitteln des Politmarketing umworben. Dabei zeigen Umfragen, dass Labours Vorsprung in vielen dieser Schlüsselkreise – wegen der Irakproteste – zusammengeschmolzen ist. Wählen Unzufriedene aus Protest die Liberaldemokraten, könnten die Tories profitieren. Es gebe drei Möglichkeiten, die Tories zu wählen, sagt Labourvize John Prescott: „Für einen Tory stimmen, für einen Liberaldemokraten stimmen – oder zu Hause bleiben“.

Einen Vorteil hat Labour. Viele Briten sind aus traditionell städtischen Wahlkreisen in die Vororte mit ihrer eher konservativen Ausrichtung gezogen. Bis zur Neuziehung der Wahlkreisgrenzen müssen die Tories schätzungsweise fünf Prozent mehr Stimmen gewinnen, um die gleiche Zahl von Abgeordneten wie Labour stellen zu können. Auch das erklärt so manche Verzerrung: Labour erhielt 2001 nur 43 Prozent der Gesamtstimmen – aber 64 Prozent der Sitze: 416 von 658 Mandaten.

Angesichts all dessen ist es kein Wunder, dass die Meinungsforscher keine besonders gute Bilanz haben. Meist sehen sie Labours Chancen zu rosig. So prophezeiten sie 1992 einen Labourvorsprung von 1,4 Prozent – die Tories gewannen mit 7,6 Prozent Vorsprung. 2001 lag Labour mit neun Prozent vorne – die Umfragen hatten 14 Prozent vorausgesagt. Vermutlich ist, wie bei den US-Präsidentschaftswahlen, die Prognose der britischen Wettbüros wieder die zuverlässigste. Wetter gehen von einer Labourmehrheit von 78 Sitzen aus – demnach würde Tony Blairs Mehrheit um mehr als die Hälfte schrumpfen.

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