Zeitung Heute : Mit eiserner Faust

Irak ist kein Nationalstaat im europäischen Sinne. Kurden und Schiiten sind Feinde Bagdads – nur Gewalt verhindert den Zerfall

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Von Andrea Nüsse, Amman

Auch wenn Irak auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurückblicken kann, ist er kein gefestigter Nationalstaat im westlichen Sinne. Hervorgegangen ist das Land an Euphrat und Tigris aus dem historischen Mesopotamien, der Wiege der babylonischen und assyrischen Zivilisationen. Der moderne Staat Irak entstand erst 1920, als das Osmanische Reich zerstückelt wurde.

Das Land, das nach Saudi-Arabien die größten Erdölvorkommen der Welt besitzt, hat heute etwa 24 Millionen Einwohner. Diese teilen sich in drei große ethnische und religiöse Gruppen: Die Bevölkerungsmehrheit (60 Prozent) sind Schiiten, die im Süden des Landes leben. Im Norden leben etwa 3,6 Millionen Kurden, die seit der Einrichtung einer Flugverbotszone durch die Alliierten im letzten Golfkrieg relative Autonomie genießen. Beide Bevölkerungsgruppen sind der sunnitischen Herrschaftsriege in Bagdad feindlich gesonnen. Das Regime in Bagdad hat jahrzehntelang die Bevölkerungsgruppen mit harter Hand zusammengehalten. Bei den Erwägungen, Diktator Saddam Hussein militärisch von der Macht zu vertreiben, stellt sich daher die Frage, welche Auswirkungen dies auf den Zusammenhalt des Landes hat. Die Nachbarn des Irak, die Türkei, die arabischen Staaten und Iran fürchten, das Land könne in drei Teile zerbrechen, zumal die Kurden im Norden natürliche Verbindungen zu den Kurden in der Türkei und die schiitische Bevölkerung enge Bande zum schiitischen Nachbarn Iran hat.

Denn sowohl die Schiiten als auch die Kurden haben bereits mehrfach versucht, sich vom Regime in Bagdad zu lösen. Da sie dabei schlechte Erfahrungen mit dem Westen gemacht haben, sind jedoch beide Gruppen äußerst vorsichtig, sich bei einem eventuellen US-Angriff auf die Seite der USA zu stellen. Die Kurden haben, unterstützt von Iran, 1960–75 und 1983–88 versucht, ihre Autonomie zu erkämpfen. Sie wurden jeweils von Iran fallen gelassen und mussten dies teuer bezahlen. Im Februar 1991 begannen sie einen neuen Aufstand, diesmal unterstützt von den westlichen Alliierten. Seither haben sie relative politische Freiheiten.

Auch die Schiiten im Süden des Landes, die noch im Iran-Irak-Krieg loyal auf Seiten Iraks gestanden hatten, revoltierten im März 1991. Ermutigt wurden sie von den westlichen Alliierten, die sie dann nicht verteidigten, als Saddam Hussein mit seiner Armee die Revolte niederschlug. Dabei wurde auch Giftgas eingesetzt. Aufgrund dieser Erfahrungen ist die Skepsis gegenüber den Amerikanern im Süden noch größer als im Norden des Landes.

Nur ein wirklich demokratischer föderaler Staat könnte diese separaten Bevölkerungsgruppen nach einem Sturz des Regimes in Bagdad möglicherweise zusammenhalten. Doch wer den aufbauen soll, ist völlig unklar. Demokratische Erfahrungen im Land sind äußerst gering. Auch die Auslandsopposition, mit der Washington liebäugelt, ist dabei kein ernst zu nehmender Partner: Sie ist zerstritten, hat wenig demokratische Glaubwürdigkeit und wenig Rückhalt im Lande. Die einst starke Mittelschicht des Landes, die politische und kulturelle Entwicklungen vorantreiben könnte, ist verarmt oder hat in den Kriegen und wegen der politischen Unterdrückung das Land verlassen. Sie fühlt sich aber auch von den Vertretern der Auslandsopposition nicht wirklich repräsentiert.

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