Zeitung Heute : Mit eiserner Hand

Eine 24-Stunden-Hilfe für alte Menschen, die keine Ansprüche hat – ein Traum? Ein Roboter!

Jens Mühling

Gut, er ist keine Schönheit – aber kann man sich für alte Menschen einen besseren Gehilfen vorstellen? Wenn Waltraud Schlüter Lust auf Orangensaft hat, muss sie das nur laut denken, und sofort stürzt er zum Kühlschrank. Er hebt die Fernbedienung auf, die ihr aus der Hand gerutscht ist, und wenn es Zeit ist für die Medizin, steht er mit der Pillendose da. Das alles mögen andere Haushaltshilfen auch leisten – aber welche macht es 24 Stunden am Tag? Braucht weder Kost noch Logis? Meckert nicht und klaut keine Kaffeelöffel? Gehört keiner Gewerkschaft an, bezieht nicht mal Gehalt?

Bislang ist Waltraud Schlüter ein fiktiver Name und die beschriebene Szene ein Präsentationsfilm des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung. Aber Frau Schlüters selbstlosen Gehilfen gibt es wirklich, auch wenn er zur Zeit etwas derangiert aussieht: Sein rechter Arm hängt verkrampft in der Luft, links hat er gar keinen, außerdem fehlt ihm der Kopf, der liegt zwei Meter weiter auf einem Tisch. Was derzeit in einer Stuttgarter Werkhalle entwickelt wird, ist der „Care-O-bot II“ – eine Haushaltshilfe aus Plastik und Mikrochips.

Noch ist der „Care-O-bot“ allerdings eine äußerst pflegebedürftige Pflegekraft. Auf dem Weg vom Prototyp zum Produkt begleitet ihn seit einem Jahr die Mathematikerin Susanne Oberer. Zwischen Montagetischen und Computern hat sie eine Sitzgruppe aufstellen lassen, und da sitzt sie jetzt und erzählt von den Fortschritten. Am Anfang stand der Care-O-bot I, der kaum mehr war als ein computergesteuertes Servierwägelchen. Die zweite Version, deren Einzelteile rund um die Couch verstreut sind, kann schon einiges mehr: Getränke servieren, Blumen gießen, erkennen, ob im Kühlschrank Orangensaft vorrätig ist, den Patienten durch die Wohnung führen und dabei Hindernissen ausweichen.

Ferngesteuert wird der Roboter über ein tragbares Terminal. Ein kleiner Bildschirm zeigt an, was das Gerät „sieht“. Die Kamera verbirgt sich hinter zwei angedeuteten Augen, und das, was wie ein Mund aussieht, ist ein Laserscanner, mit dem der Roboter seine Umgebung abtastet. Im Film wirkt das alles noch unbeholfen: ein 200-Kilo-Koloss, optisch irgendwo zwischen E.T. und Terminator, der minutenlang suchend den Kopf rotieren lässt, bevor sein Greifarm das Saftglas absetzt.

Aber das sind Kinderkrankheiten. Schon mit dem dritten Typ soll das Gerät einen zweiten Arm bekommen. Außerdem soll er mit anderen Elektrogeräten vernetzt werden, zum Beispiel soll er anzeigen, wer geklingelt hat. Auch Notfälle soll er erkennen, etwa, wenn sich der Patient morgens nicht meldet. Er wird auch auf Befehle und Gesten reagieren. Sprechen tut er schon jetzt – mit männlicher Stimme: „Darüber gab es Diskussionen, aber letztlich fanden wir, dass das zur Optik besser passt“, sagt Susanne Oberer und lächelt. Dann wird sie wieder nüchtern: „Echte Pflegehandgriffe wird auch das dritte Modell nicht leisten“, stellt sie klar. „Kein Patient würde von einer Maschine gepflegt werden wollen.“ Der Care-O-bot sei lediglich eine Haushaltshilfe für Menschen, die nicht ins Heim wollen.

Die Idee hatten die Fraunhofer-Wissenschaftler vor fünf Jahren. Damals begann in Deutschland mit Macht die Diskussion über die demografische Krise. Wenn sich bis 2030 in Deutschland tatsächlich die Zahl der über 60-Jährigen verdoppelt und die der über 90-Jährigen verdreifacht, wie man bei Fraunhofer annimmt, dann liegen die Konsequenzen auf der Hand: Immer mehr Alte müssen von immer weniger Jungen gepflegt werden.

Droht einem Wirtschaftszweig Arbeitskräftemangel, dann kennt die deutsche Nachkriegsgeschichte traditionell zwei Lösungen: Einwanderung – oder Automatisierung. Doch es bleibt ein Zweifel.

Eine Gesellschaft, die ihre Alten von Maschinen versorgen lässt – für viele dürfte das wie ein Science-Fiction-Albtraum à la George Orwell klingen. Wer garantiert beispielsweise, dass der Roboter statt einer Strumpfhose nicht die Katze in die Waschmaschine steckt? „Solchen Unfällen sind schon durch die Technik Grenzen gesetzt“, sagt Susanne Oberer. „Was die Maschine nicht erkennt, rührt sie nicht an.“ Nachvollziehbar findet sie die Ängste aber schon: „Die Frage, wie ein alter Mensch auf so ein Monstrum reagiert, beschäftigt uns natürlich auch.“ Bisher hätten Testpersonen das Gerät nach anfänglicher Irritation akzeptiert. Trotzdem will sie nun verstärkt an der „Ausstrahlung“ arbeiten: an Augen und Mund. Und „der Greifarm muss unbedingt filigraner werden“.

Bis das Gerät eingesetzt werden könne, würden zwar „sicher noch Jahre, aber keine Jahrzehnte mehr vergehen“, sagt Fraunhofer-Sprecher Hubert Grosser. Wenn es einmal so weit sei, solle der Roboter „etwa so viel kosten wie ein Mittelklassewagen“. Man suche derzeit nach Herstellern, die den Roboter per Leasing an Krankenkassen und Privatpatienten weitergeben könnten: „Bei einer Monatsrate von 150 bis 170 Euro wäre das für Patienten, die nicht auf ständige Pflege angewiesen sind, weitaus billiger als die Unterbringung im Altenheim.“

Und weitaus weniger personalintensiv. Was hatte der Taxifahrer auf dem Weg zum Fraunhofer-Institut gesagt, als im Radio über den Personalabbau bei der Telekom berichtet wurde? „Die machen Rekordumsätze und schmeißen trotzdem Leute raus – was wollen die eigentlich?“ Dem Mann hätte sicher auch der Care-O-bot nicht gefallen. Er hätte gefragt, ob man wirklich Roboter für die Altenpflege bauen müsse, das sei doch in Deutschland einer der wenigen Arbeitsmärkte mit Wachstum. „Stimmt“, sagt Susanne Oberer. „Aber das Wachstum wird so immens sein, dass es mit herkömmlichem Personal nicht abzudecken ist.“ Auch das klingt wieder ein bisschen nach George Orwell: wenn eine Wissenschaftlerin die Welt in Roboter und „herkömmliche“ Pflegekräfte unterteilt. Vielleicht ist das auch nur der Sound der Zukunft.

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