Zeitung Heute : Mit Energie gegen den Westen

Elke Windisch[Moskau]

China hat sich ins russische Ölgeschäft eingekauft, um mit dem Rosneft-Konzern zu kooperieren. Was bezwecken die beiden Staaten mit dieser Allianz?


Es ist erst eine Woche her, dass sich China und Russland beim Gipfel der Schanghai-Organisation zu einer strategischen Partnerschaft im Energiesektor bekannten. Jetzt folgen dieser Ankündigung erste Taten: Chinas Staatskonzern Sinopec hat 49 Prozent der Anteile an der Ölfirma Udmurtneft erworben, die bisher eine Tochter des russisch-britischen TNK-BP-Konzerns war. Die in Westsibirien angesiedelte Firma fördert täglich 120 000 Barrel, ihren Marktwert taxieren Experten auf bis zu vier Milliarden US-Dollar.

Über den tatsächlichen Kaufpreis schweigen sich Käufer wie Verkäufer aus. Denn der Deal sorgt in Russland für einigen Wirbel. Experten vermuten, dass sich die Schanghai-Organisation als Gegengewicht zur Opec positionieren möchte. Der Organisation gehören neben Russland und China unter anderem die öl- und gasreichen zentralasiatischen Staaten Kasachstan und Usbekistan an. Der Iran hat Beobachterstatus und bemüht sich um eine Vollmitgliedschaft. Auch der antiamerikanische Ton der Gipfel-Abschlusserklärung spricht dafür, dass Russland und China in der Energiepolitik gemeinsame Wege einschlagen werden.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte im Frühjahr deutlich gemacht, der Westen müsse künftig mit China um den Zugang zu russischen Ressourcen konkurrieren. Bemerkenswert an dem jetzigen Deal ist, dass die restlichen 51 Prozent der Anteile an Udmurtneft künftig vom russischen Staatskonzern Rosneft gehalten werden, der nach dem Kauf von Juganskneftegas ohnehin zum Marktführer in der russischen Ölbranche aufgestiegen ist. Rosneft hatte den Kern von Michail Chodorkowskijs Jukos-Konzern Ende 2004 über Strohmänner für ganze 9,4 Milliarden US-Dollar ersteigert. Finanziert wurde der Kauf damals wesentlich mit Krediten eines chinesischen Bankenkonsortiums, das in rekordverdächtiger Zeit sechs Milliarden Dollar einsammelte.

Zum Ausgleich soll Rosneft Peking schon bald fünf Prozent seiner Anteile überlassen – zu weitaus günstigeren Konditionen als beim geplanten Börsengang im Westen, wo weitere 30 Prozent angeboten werden sollen. Termin für beide Geschäfte ist Mitte Juli, unmittelbar vor dem G-8-Gipfel in St. Petersburg. Ein Zufall dürfte dieser Termin nicht sein, denn auch dort soll es vor allem um Energiefragen gehen.

Dem Rosneft-Konzern fällt eine tragende Rolle bei den Plänen des Kremls zu, die Kontrolle über den Energiesektor zurückzuholen. Rosneft kann daher auf Vorzugsbehandlung bei der Vergabe von Konzessionen für die Erschließung neuer Lagerstätten und bei der Übernahme weiterer Konkurrenten hoffen. Im Aufsichtsrat von Rosneft hat der großrussisch-orthodoxe Flügel aus Putins Umgebung das Sagen. Auf Vertreter dieser Gruppe ist auch Moskaus außenpolitischer Kurswechsel weg vom Westen zurückzuführen.

Diese neue Konstellation dürfte auch der Grund gewesen sein, warum EU und USA auf ihrem gemeinsamen Gipfel in Wien die russische Energiepolitik harsch kritisierten. Um die Abhängigkeit von Russland zu verringern, wollen Amerikaner und Europäer bei der Energieversorgung in Zukunft enger zusammenarbeiten. „Wir müssen weg vom Öl“, sagte US-Präsident George W. Bush in Wien. Ein wichtiger Weg sei, gemeinsam in neue Technologien zu investieren.

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