Zeitung Heute : Mit Englisch und Französisch fing alles an

40 Jahre Sprachenzentrum: Jährlich werden rund 6000 Studierende in 13 Sprachen unterrichtet.

Bianca Schröder

Vorlesungen an der Seite von Kommilitonen aus Russland und China hören, ein Semester lang in Frankreich studieren, eine Seminararbeit auf Englisch schreiben: Internationale Kontakte und Fremdsprachenkenntnisse sind für viele Studierende heute eine Selbstverständlichkeit. An der Freien Universität gibt es eine Einrichtung, die ihnen den Weg in eine zunehmend vernetzte Welt erleichtert. Das Sprachenzentrum an der Habelschwerdter Allee 45 gehört zu den größten seiner Art in Europa – und das schon seit 40 Jahren. Unterricht in insgesamt 13 Sprachen, ein modernes Selbstlernzentrum, ein großes Tandemprogramm, die Organisation von Auslandsaufenthalten für Studierende der Sprach- und Literaturwissenschaft sowie die Koordination von EU-Bildungsprojekten gehören zum Angebot.

„Der Impuls zur Gründung im Mai 1973 war, dass die sprachpraktische Ausbildung als zentrale Aufgabe verstanden und entsprechend gefördert werden sollte“, sagt Professor Wolfgang Mackiewicz, der das Sprachenzentrum als zentrale Einrichtung der Universität gemeinsam mit seinem ersten und langjährigen Leiter, Harald Preuss, aufbaute und von 1973 bis Herbst 2011 im Wechsel mit ihm leitete. Das Sprachenzentrum bietet praxisbezogene Kurse für Studierende aller Fächer, ist vor allem aber für die Sprachausbildung von Studierenden der Sprach- und Literaturwissenschaften zuständig – eine Aufgabe, die an den meisten Hochschulen bei den philologischen Fakultäten liegt. Eine dritte große Gruppe sind die Studierenden aus dem Ausland, die Kurse in Deutsch als Fremdsprache belegen. Insgesamt besuchen jährlich rund 6000 Studierende die Sprachkurse. Zu Beginn hatte das Sprachenzentrum Englisch und Französisch im Programm, bald kamen Spanisch, Italienisch und Russisch hinzu. Mittlerweile gibt es zudem Kurse in Deutsch als Fremdsprache, Arabisch, Japanisch, Niederländisch, Persisch, Polnisch, Portugiesisch und Türkisch.

Als Folge der Bologna-Reform können Studierende in den meisten Studiengängen Leistungspunkte aus Sprachkursen einbringen. Es gebe aber auch andere Gründe für den Besuch des Unterrichts, sagt Ruth Tobias, Direktorin des Sprachenzentrums: „Einige Studierende planen ein Praktikum oder einen Studienaufenthalt im Ausland, angehende Grundschullehrer wollen aufgrund ihrer Schüler-Klientel Türkisch oder Arabisch lernen. In diesen Sprachen wie auch in Polnisch und Russisch haben wir auch häufig Studierende, die schon mit gewissen Erstsprachenkenntnissen kommen und beispielsweise ihren schriftlichen Ausdruck verbessern wollen.“ Die Gruppe der mehrsprachig aufgewachsenen Studierenden werde stetig größer, es stelle ihre Mitarbeiter und sie vor neue Herausforderungen, sagt die promovierte Romanistin.

Doch auch für die anderen Studierenden entwickeln die Dozenten des Sprachenzentrums den Unterricht gemäß eigenen Beobachtungen und neuen Forschungsergebnissen ständig weiter. Wenn man die Didaktik der vergangenen 40 Jahre betrachte, habe sich viel getan, sagt Tobias: „Früher wurden verschiedene Bereiche der Sprachvermittlung – Grammatik, Übersetzung, Phonetik, Lektüre – getrennt unterrichtet. Heute vermitteln wir Sprache integrativ, der Fokus liegt auf einem handlungsorientierten Unterricht.“ Neue Medien haben in den vergangenen Jahren Einzug in den Sprachunterricht gehalten – zum Beispiel produzieren die Studierenden Podcasts in der Fremdsprache. Wie stark neue Technik im Unterricht eingesetzt werden soll, sei allerdings ein schwieriges Thema, sagt Wolfgang Mackiewicz. „In der Wirtschaft wird heute viel mit Hilfsmitteln für die Anfertigung von Übersetzungen oder Lernprogrammen zu technischem Vokabular gearbeitet. Die Frage für uns ist dann: Was ist die Aufgabe der Universität? Müssen wir die Studierenden mit diesen Technologien vertraut machen?“ Als Präsident des Europäischen Sprachenrates – einer Vereinigung von Hochschulen und Verbänden – setzt sich Mackiewicz dafür ein, Sprachkurse an Universitäten stärker an den Anforderungen des Arbeitsmarktes auszurichten. Zudem engagiert er sich bei der Europäischen Kommission für eine Stärkung des Studierendenaustausch-Programms ERASMUS.

Die Kurse des Sprachenzentrums sind in der Regel ausgebucht. „Das Interesse und die Kompetenz der Studierenden in Bezug auf das Lernen von Fremdsprachen sind an der Freien Universität sehr groß“, sagt Tobias. Am Selbstlernzentrum arbeiten die Studierenden Kursinhalte auf oder erwerben eigenständig Sprachkenntnisse. Besonders beliebt ist mit jährlich rund 3500 Teilnehmern das vom Selbstlernzentrum organisierte Tandemprogramm, bei dem Studierende verschiedener Muttersprachen eine Sprachpartnerschaft eingehen: Jeder lehrt seine Muttersprache und lernt die Muttersprache seines Tandempartners.

Tobias freut sich über die Beliebtheit der Angebote auch in den „seltener unterrichteten Sprachen“, denn trotz Globalisierung bleibe die Welt sprachlich heterogen, und Englisch reiche als Qualifikation nicht aus. Jede Sprache eröffne eine Wissenskultur von eigenem Wert. Deshalb ist das Sprachenzentrum heute wie schon vor 40 Jahren der Mehrsprachigkeit verpflichtet. Bianca Schröder

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