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Er ist kein Parteimensch – dennoch wird Platzeck nun Chef der SPD. Er könnte ihr Versöhner werden

Michael Mara Thorsten Metzner

Er ist eigentlich wie ein offenes Buch – und trotzdem für viele ein Rätsel. Dieser Gute-Laune-Mensch Matthias Platzeck, Ministerpräsident von Brandenburg und nun bald auch Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Ein einstiger Bürgerbewegter und Grüner, der erst vor zehn Jahren in die SPD eintrat, sich nicht von unten hochgedient hat und nun der mächtigste Mann der Partei wird. Ein Ostdeutscher obendrein, der keine Hausmacht hat und über sich selbst sagte, er sei „eigentlich kein Parteimensch“. Was treibt ihn, was denkt er, was ist das Geheimnis seines unaufhaltsamen Aufstiegs?

Keine drei Wochen ist es her, da hat Matthias Platzeck noch das Angebot ausgeschlagen, Vizekanzler und Außenminister zu werden: den Joschka-Job, der einen schnell zum beliebtesten Politiker dieser Republik machen kann. Manche meinen sogar, dass Platzeck 2009 auf diese Weise „bequem im Schlafwagen ins Kanzleramt“ hätte fahren können. Und jetzt übernimmt er den vielleicht riskantesten Politikposten, den man sich in dieser Republik derzeit vorstellen kann. Den sonst niemand will. „Ein Himmelfahrtskommando“, warnten ihn Freunde mit Blick auf die Selbstzerfleischung in Berlin, die ja nur Ausdruck der tieferen Sinnkrise der Genossen ist.

Doch gerade diese Reaktion entspricht dem Wesen des 51-Jährigen: Gewiss, der bodenständige Märker, der seinen Babelsberger Kiez, seine Lebensgefährtin und seine Freunde um sich braucht, hätte sich erneut verweigern können. Wie schon früher, als Kanzler Gerhard Schröder ihn ins Bundeskabinett hatte holen wollen. Aber diesmal hätte ihm die Partei nicht verziehen. Und vermutlich hätte er es sich auch selbst nicht verziehen, die SPD in dieser Notlage im Stich gelassen und gekniffen zu haben. Das klingt pathetisch – doch so tickt er. Es muss mit seiner Herkunft zu tun haben. Es sei einfach eine „Erziehungsfrage“, das hat er selbst einmal gesagt.

Matthias Platzeck ist in Potsdam groß geworden, als Arzt-Sohn, bürgerlich-protestantisch. Von preußischen Tugenden hält er viel. Freunde sagen: „Er muss immer mit sich im Reinen sein.“ Daraus schöpfe er seine Kraft, deshalb könne er auch ertragen, dass er seinen Urlaub zum 30. Mal verschieben muss. Dass er seine drei erwachsenen Töchter zu selten sieht. So blieb ihm nur das Ja – im vollen Bewusstsein, dass er scheitern kann, dass das sogar wahrscheinlich ist. „Ich hätte es dann wenigstens versucht“, sagt Platzeck.

Aber die Wahrheit hat viele Facetten. Da ist auch Platzeck, der Ehrgeizige, der den Reiz der Selbstverwirklichung in der Politik genießt, der geschickte Taktiker, der mit den Medien umzugehen weiß, ohne dass es nach Selbstinszenierung aussieht. Ein Politiker, der seit Jahren beteuert, „keine Karriereplanung“ zu machen, dessen Karriere sich aber trotzdem im atemberaubenden Tempo vollzieht: vom Hygiene-Inspektor in der DDR zum Runden Tisch in der Wendezeit, vom Minister in der Regierung Modrow zum Umweltminister in Brandenburg, vom Potsdamer Oberbürgermeister zum Ministerpräsidenten.

Nun ist er ganz oben. Vielleicht deshalb, weil er nie drängelt. Weil er niemals wie Gerhard Schröder an der Tür des Kanzleramtes rütteln würde. Weil er die auf dem Jahrmarkt der politischen Eitelkeiten selten gewordene Eigenschaft besitzt, seinen Ehrgeiz zu zügeln und auf seine Stunde zu warten zu können. Sie schlägt jetzt früher, als zu erwarten war. Das könnte ein unglaublich spannendes Experiment werden – für die SPD, ja für Deutschland? Denn dieser Mann, der manchmal unterschätzt wird, hat den brennenden Ehrgeiz, „dass die Partei schnell wieder Tritt fasst, dass die SPD die Entwicklung in Deutschland prägt“.

Manche bezweifeln, ob er das Format hat. Man kann die Frage aber auch umdrehen: Ist dieser sozialdemokratische Traditionsverein, diese verkrustete und westdominierte Milieupartei reif, sich auf Matthias Platzeck einzulassen, auf seine pragmatische Art Politik zu machen, ohne Tabus und Dogmen? Platzeck ist fest davon überzeugt, dass die Gesellschaft in diesem Jahrhundert wirtschaftliche Dynamik braucht, aber genauso gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Das ist der einzige Weg, den Kapitalismus menschenfreundlich zu machen.“ Aber es ist nicht der Sozialstaat der 70er Jahre, von dem viele Genossen träumen. Hier wird er, der in keine Rechts- und Links-Schublade passt, viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Was er zu bieten hat: Charisma, eine entwaffnende Unverstelltheit, Offenheit und Frische, die er sich auch nach 15 Jahren Politikbetrieb bewahrt hat. Von seinen Förderern und Weggefährten hat er manches gelernt: von seinem großen Vorbild Regine Hildebrandt, „dass das Leben einen tieferen Sinn hat, nämlich das Miteinander“. Von seinem Ziehvater Manfred Stolpe unerschütterliche Ruhe und Gelassenheit. Von Gerhard Schröder, dem Freund und Förderer, das nötige Maß Cleverness und Härte.

Platzeck ist kein einsamer Wolf, kein Basta-Politiker, sondern ein Teamspieler und, natürlich, ein Charmeur. Er ist, wie es der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Danckert formuliert, „ein Menschenfischer“, wie ihn die zerrissene SPD jetzt braucht. Dass er auch kämpfen kann, was dem einstigen Sonnyboy früher niemand recht zutraute, hat er längst bewiesen. Etwa als „Deichgraf“ 1997 beim Oderhochwasser, vor allem aber bei der Landtagswahl 2004, die die SPD entgegen aller Vorhersagen gewann – der einzige SPD-Sieg seit langem. Und das nur, weil Platzeck über jeden Marktplatz Brandenburgs tourte und zwischen Pfeifkonzerten und Eierwürfen die bittere Wahrheit aussprach: Dass die Reform Deutschlands notwendig ist, um den Lebensstandard wenigstens halten zu können.

Trotzdem halten manche Matthias Platzeck immer noch vor, „bislang wenig politisches Profil gezeigt“ zu haben und „programmatisch nicht aufgefallen“ zu sein. Da ist etwas dran. Sein Programm hieß bisher: Brandenburg. Viele hörten aber auch nicht hin, wenn sich der Provinzchef zu Wort meldete. Wenn er in Aufsätzen und auf Podien dafür warb, „was der Westen vom Osten lernen kann“, etwa die Bereitschaft zu Veränderungen. Wenn er „eine neue politische Kultur der Offenheit“ in Deutschland forderte oder als einer der ersten Länderchefs „die schrumpfende Gesellschaft“ ganz oben auf die Agenda seiner Regierung setzte. Es gab in Brandenburg einen empörten Aufschrei, als Platzeck jüngst eine Kehrtwende der Förderpolitik ankündigte – weg von der Gießkanne aus Manfred Stolpes „kleiner DDR“.

Niemand weiß, wie das Experiment Platzeck die SPD verändern wird. Doch überall dort, wo er bisher Verantwortung trug, ist das politische Klima offener geworden. So könnte Platzeck schaffen, woran Gerhard Schröder und Franz Müntefering gescheitert sind: die SPD mit sich zu versöhnen. Und vielleicht zieht sogar etwas Neues in die Lagerpolitik ein, wenn jetzt mit Angela Merkel und Matthias Platzeck zwei konsensorientierte Ostdeutsche die Koalitionsparteien führen. Als Angela Merkel ihm telefonisch gratuliert hat, haben sich beide jedenfalls prächtig amüsiert darüber, dass jetzt ausgerechnet zwei ostelbische Protestanten die bisher von rheinischen Katholiken geprägte Republik reformieren wollen.

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