Zeitung Heute : Mit fünf Fächern zum Ziel

Die schottische St. George''s School for Girls in Edinburgh mit kleinem Internat lässt den Mädchen große Wahlfreiheit

Annika Brockschmidt

„Trouthe and honour – fredom and curteisye“ so lautet das altenglische Motto dieser Schule: Wahrhaftigkeit und Ehre – Freiheit und Höflichkeit – dies alles hat sich die St. George''s School for Girls im Westen Edinburghs auf die Fahnen geschrieben. Geziert mit dem Logo der Schule knattern sie im schottischen Wind. Standhaft wie das Schulgebäude der Upper School selbst: ein mächtiger Bau, dessen Sandstein im Laufe der Jahrzehnte in Ehren ergraut ist.

Besucher, die den für schottische Privatschulen verhältnismäßig kleinen, aber für deutsche Schulen riesigen Campus betreten, würden wahrscheinlich eher eine stille, ruhige und elegante Atmosphäre erwarten, wenn die schwere Holztür im Empfangsbereich hinter ihnen ins Schloss fällt. Doch geht es im Innern der Mädchenschule zu wie in einem Ameisenhaufen. Hier eilen Schülerinnen laut schwatzend und lachend von einem der mit dunklem Holz vertäfelten Klassenzimmer in das nächste. Dort rufen sie sich quer durch den Raum den neuesten Tratsch zu und verabreden sich. Zum Beispiel, um gemeinsam zum Mittagessen ins St. George''s Center zu gehen, einem Neubau gegenüber der Upper School.

Wer hier eine dunkle, Harry-Potter-artige Umgebung à la Hogwarts erwartet hatte, wird enttäuscht – die Korridore strahlen in hellen Farben, in sattem Gelb und freundlichem Weiß. Lehrer bleiben auf den Gängen stehen, sprechen mit Schülern. Sie tauschen auch Privates aus – anders als an den meisten deutschen Schulen. Verblüffend ist auch, dass die Schulleiterin – sie ist eine herzliche Frau mit einer lauten, dröhnenden Stimme – jeden Schüler persönlich und mit Namen zu kennen scheint.

Die mir gänzlich unbekannte Frau kommt auf mich zu. Sie sagt, dass sie ja wisse, dass ich eine schwere Prüfungszeit hinter mir hätte, und ob ich denn schon mal über den Besuch einer Uni nachgedacht hätte? Sie würde sich einmal mit mir zusammensetzen und mir ihre Erfahrungen aus der Universität von Bristol mitteilen. Zuerst ist man überrumpelt von so viel Direktheit, von dem Bemühen, den anderen sofort besser kennenzulernen – aber diese Art ist landestypisch, überall in Schottland kann sie einem begegnen.

Die Schülerinnen scheinen sich vor allem in den letzten beiden Jahrgängen (Lower und Upper Six) in mehrere Lager zu verteilen – die Naturwissenschaftlerinnen und die Politikerinnen, Theaterwissenschaftlerinnen und Anglistik-Studentinnen von morgen. Das schottische Schulsystem muss solche Spezialisierungen geradezu hervorbringen. Denn ab dem vorletzten Schuljahr belegen die Schüler nur noch fünf, von ihnen persönlich ausgewählte Fächer. Dieses System ist für die meisten deutschen Schüler, die ihr Auslandsjahr dort verbringen, verwirrend. Keine Blockungen, auf die man achten muss? Ganz freie Wahl, einfach so? Mathe muss nicht sein? Nein, Mathe muss nicht sein. Und alles andere auch nicht. Obwohl Mathematik und auch andere schwierige Fächer von den meisten zähneknirschend belegt werden: Sonst kann man ja nicht alles studieren. Sieht man aber einmal von den gewünschten Studienfächern ab, hat man mit Blick auf die Fächerwahl wirklich völlig freie Hand. Jedes Fach wird sieben Schulstunden à 40 Minuten in der Woche unterrichtet.

Als deutscher Schüler könnte man annehmen, dass man sich hier ausruhen kann – gilt es im Heimatland doch in elf Fächern auf dem Laufenden zu sein. Doch an dieser schottischen Schule wird fast jedes Fach gleichzeitig von zwei unterschiedlichen Lehrern unterrichtet. Sie decken unterschiedliche Themenbereiche des gewählten Faches ab – in Englisch beispielsweise Textanalyse und der Untersuchung eines schottischen Romans. Das klingt praktisch. Doch die beiden Lehrer geben auch Hausaufgaben auf – und zwar unabhängig voneinander. So entspricht die Arbeit für fünf Fächer leicht der Arbeitsmenge für zehn. Die Bandbreite an Fächern ist für die meisten deutschen Schüler beeindruckend. Neben den Evergreens – wie eben Mathe – stehen ungewöhnliche Fächer wie Product Design, Business Management, Wirtschaft und Theater zur Auswahl.

Für jemanden, der zum Beispiel an Theater interessiert ist, hebt sich in dieser Schule der Vorhang. In diesem Fach lernt man im vorletzten Schuljahr das Schreiben einer eigenen kurzen Szene. Doch nicht nur das. Diese Szene wird dann auch noch inszeniert. Dass Texte und zeitgenössische Stücke auf ihre Dramaturgie überprüft werden, versteht sich von selbst. Neben der Analytik geht es aber auch um ganz praktische Dinge: Wie müssen Kostüme und Kulissen aussehen? Nicht zuletzt geht es natürlich auch darum, nicht nur Theater zu machen sondern auch zu spielen.

Anders als an vielen deutschen Schulen werden an St. George''s auch Nachhilfegruppen, die von Lehrern unterrichtet werden, angeboten – die finden nachmittags, nach der Schule statt. Auch dies ist für einen deutschen Schüler ungewöhnlich – die Schule beginnt um neun, endet dafür aber auch erst um 16 Uhr. In diese Zeit fällt auch das Mittagessen. Das Essen an schottischen Schulen ist Geschmackssache. Gemüse und Obst sind selten, die Portionen oft zerkocht. Dafür gibt es Schokoriegel, merkwürdig kristallin anmutendes Eis und Brownies.

Fairerweise muss man allerdings zugeben, dass das Essen in Houldsworth House, dem Internatsteil der Schule, um Längen besser ist. Und doch für einen deutschen Magen eher ungewöhnlich: Abends wird warm gegessen, Brot scheint es hier nicht zu geben. Doch es gibt Toast, wieder, immer wieder. Gott-sei-Dank gibt es auch in Edinburgh einen „ Aldi“ – mit Schwarzbrot im Angebot. Beim Brunch, der alle zwei Sonntage stattfindet, gibt es dann die landestypischen Bohnen, sowie Speck, und merkwürdig elastische Würstchen, die ein Kontinentaleuropäer besser gar nicht erst anrührt. Anders steht es da mit Haggis, dem schottischen Nationalgericht, das gut schmeckt – so lange man nicht weiß, was der Hauptbestandteil ist: Schafmagen. Noch etwas ist für deutsche Schüler ungewöhnlich – die Schuluniform. In den beiden letzten Jahrgängen sind die Schüler davon befreit, müssen sich dafür aber „smart“ kleiden, was auch kontrolliert wird und manchmal zu heftigen Diskussionen führt. Was ist „smart“, was geht und was nicht?

Das Engagement dieser Schule erschlägt einen Neuankömmling fast. Da gibt es Austauschprogramme mit Australien, Deutschland und China. Es gibt Zusatzkurse für die Schülerinnen in ihrem letzten Schuljahr. Dort wird ihnen zum Beispiel beigebracht, wie man kocht. St. George''s hat auch einen ambitionierten Chor und vieles andere.

Die Atmosphäre im Internat ist anheimelnd bis familiär – allein der scheppernde Weckruf durch den Lautsprecher stört morgens etwas, zumal er auch an Wochenenden durch die Flure der zwei Internatshäuser schallt. 50 von insgesamt 1000 Schülern sind Internatsschüler – das schließt alle Altersstufen ein, von den Elfjährigen bis zu den Achtzehnjährigen, die sich auf das College vorbereiten. Gemeinsame Aktivitäten stehen auf dem Tagesprogramm – alles freiwillig, natürlich. Das mit dem Wochenende ist allerdings so eine Sache: Ausgehen unter der Woche ist einmal erlaubt, und dann auch nur mindestens zu zweit (aber auch nur bei den letzten beiden Jahrgängen). Um zehn Uhr abends ist das Maximum erreicht und das auch nur freitags und samstags. Solche Regelungen sind gewöhnungsbedürftig. Nach vielleicht zwei, drei Wochen Eingewöhnungszeit bemerkt man, dass Houldsworth House mehr einen WG-Charakter hat als den eines strengen schottischen Internats. Es geht hier lockerer zu als anderenorts. Und manchmal, vor allem im Herbst und Winter, wenn es schon um vier Uhr dunkel wird, und man die Silhouette des edwardianischen Internatsgebäudes mit der Steintreppe und den Säulen zwischen den großen Bäumen betrachtet, dann kommt doch so etwas wie ein Hogwarts-Feeling auf.

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