Zeitung Heute : Mit Galileo weltweit ans Ziel

Europa baut seine eigene Satellitennavigation auf. Es verspricht sich davon einen Aufschwung für die Wirtschaft – und viele neue Arbeitsplätze

Frank Schubert

Autofahren nach Straßenkarte kann anstrengend sein. Gerade noch lief alles gut, da kommt eine Umleitung und wirft die sorgsam ausgetüftelte Streckenplanung über den Haufen. Dann heißt es: nächsten Parkplatz suchen, Atlas aufschlagen, neue Route ausdenken.

Das ist jetzt vorbei. Für viele zumindest. Ende 2005 besaßen geschätzte zwölf Millionen europäische Autofahrer ein Navigationsgerät, ein Jahr zuvor waren es noch sieben Millionen, wie der ADAC mitteilt. Volkswagen, um das Beispiel eines Herstellers zu nennen, rüstete 2002 jedes zehnte seiner Autos für den deutschen Markt mit einem solchen Gerät aus – 2005 war es bereits jedes fünfte. Navigationsgeräte finden reißenden Absatz, Tendenz: steigend. Sie lotsen den Fahrer bequem und relativ zuverlässig zum Ziel. Nicht nur in Autos, auch im Flugzeug-, Schiffs- und Eisenbahnverkehr haben sie längst Einzug gehalten. Hinzu kommen Wanderer, Kanufahrer, Biker und viele andere, die die Vorteile dieser Technik immer mehr für sich entdecken.

Fast alle heutigen Navigationsanlagen funktionieren auf Basis des US-amerikanischen Satellitensystems GPS (Global Positioning System). Es untersteht teils dem Verteidigungs-, teils dem Transportministerium der Vereinigten Staaten. Ursprünglich diente es vorwiegend militärischen Zwecken. Weil es bis heute keine vergleichbaren Konkurrenten hat, setzte es sich auch in der zivilen Navigation durch und erlangte eine weltweite Monopolstellung. Ein einträgliches Geschäft: „Jedes Jahr werden mit GPS-Anwendungen Umsätze in mehrstelliger Milliardenhöhe erwirtschaftet“, sagt John Dow. Er ist der Leiter des Büros für Navigation im europäischen Raumfahrt-Kontrollzentrum Darmstadt (Esoc) und ein weltweit renommierter Experte für Satellitenortungssysteme.

Nun wollen die Europäer gleichziehen. Sie stellen eine eigene Satellitennavigation mit dem Namen Galileo auf die Beine. „Galileo soll uns unabhängiger von den Amerikanern machen“, sagt Achim Bachem, Vorstandsmitglied beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zugleich, so Bachem, sollen sich europäische und amerikanische Satelliten eines Tages ergänzen: Beide werden sich gemeinsam nutzen lassen.

Galileo funktioniert im Prinzip genauso wie GPS. Mehrere Satelliten kreisen um die Erde und geben ständig Funksignale von sich. Navigationsgeräte auf der Erde – etwa in einem Auto – empfangen sie. Da jedes Signal dem Empfänger mitteilt, wann es vom Satelliten losgeschickt wurde, kann das Navigationsgerät aus dem Sende- und dem Empfangszeitpunkt ermitteln, wie lange das Signal unterwegs war. Daraus ergibt sich die Entfernung des Satelliten. Dem Gerät ist zudem bekannt, wann sich welcher Satellit wo am Himmel befindet. Empfängt es Signale von mehreren künstlichen Trabanten, kann es seinen Ort auf der Erde bestimmen. Wie geht das?

Angenommen, das Gerät empfängt Signale von einem einzigen Satelliten. Dann wüsste es, wie weit dieser entfernt ist und wo er am Himmel steht. Der Standort des Geräts liegt dann irgendwo auf der Oberfläche einer gedachten Kugel mit dem Satellit als Mittelpunkt, deren Radius der Distanz zum Satelliten entspricht. Gehen Signale von zwei Satelliten ein, dann ergeben sich zwei gedachte Kugeln, deren Oberflächen sich in einem Kreis schneiden; der Ort des Geräts liegt irgendwo auf diesem Kreis. Registriert das Navigationsgerät die Signale dreier Satelliten, dann sind es drei fiktive Kugeloberflächen, die sich in zwei Punkten schneiden – einer davon ist der Standort des Geräts, der andere liegt oberhalb der Erdoberfläche.

Im Prinzip wären drei Satelliten zur Ortsbestimmung ausreichend. „Das Problem ist aber, dass die Uhren der Navigationsgeräte nicht genau genug gehen“, erläutert Dow, „deshalb wird zusätzlich eine präzise Zeitangabe benötigt, die wiederum die Satelliten liefern – denn sie haben extrem genaue Atomuhren an Bord.“ Daher, so Dow, werden für eine Ortsbestimmung aus dem All mindestens vier Satelliten benötigt.

Im voll ausgebauten Zustand gehören zum Galileo-System jedoch nicht nur vier, sondern ganze 30 künstliche Trabanten. Warum so viele? Damit von jedem beliebigen Ort der Erde aus immer wenigstens vier von ihnen über dem Horizont stehen. Nur so kann das System auf der ganzen Welt funktionieren.

Die Ortsbestimmung mit Galileo soll dereinst auf vier Meter genau sein. „Das entspricht etwa der Präzision von GPS“, erläutert Bachem. Dieser Wert gilt jedoch nur für Galileos kostenlosen Basisdienst. Zahlenden Nutzern will das europäische System eine höhere Genauigkeit bieten – zunächst bis auf einen Meter, später bis auf wenige Zentimeter. Sonderleistungen wie verschlüsselte Nachrichtenübermittlung oder permanente Überwachung der Signalgüte sollen zusätzliche Kunden locken.

Der Aufbau von Galileo kostet etwa 3,6 Milliarden Euro. Einen großen Teil davon zahlen die Europäische Union (EU) und die Europäische Weltraumorganisation (Esa). Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen. Gerade mal ein Testsatellit hat bislang die Erde verlassen. Er heißt Giove-A und startete Ende 2005. Viel später hätte er nicht abheben dürfen, sonst hätte es Probleme gegeben: Ohne sendenden Satelliten wäre die Reservierung der Galileo-Funkfrequenzen bei der Internationalen Fernmeldeunion im kommenden Juni verfallen.

Das ehrgeizige europäische Projekt hinkt im Zeitplan mehrere Jahre hinterher. Ursprünglich war vorgesehen, bis Ende 2005 die ersten vier Satelliten ins All zu bringen und zusammen mit 25 Bodenstationen und einem irdischen Kontrollzentrum in Betrieb zu nehmen. Doch mit diesem Status rechnen die Beteiligten jetzt nicht vor 2008.

Grund für die Verzögerung war ein anhaltender Streit zwischen den beteiligten EU-Staaten. „Es war nicht einfach, sich darauf zu einigen, wie Galileo als gesamteuropäisches Projekt gemanagt werden soll“, erzählt Bachem. Noch Ende des letzten Jahres sah sich Deutschland als größter beteiligter Zahler benachteiligt und forderte, bei den Projektaufträgen stärker berücksichtigt zu werden. Anfang Dezember einigten sich die EU-Verkehrsminister darauf, das deutsche Industriekonsortium TeleOp an Galileo zu beteiligen. Außerdem beschlossen sie, dass eines der beiden Galileo-Kontrollzentren nach Deutschland kommt, wo es im bayerischen Oberpfaffenhofen eingerichtet wird. „Der innereuropäische Streit ist jetzt weitgehend beigelegt und wir können an den Aufbau von Galileo gehen“, sagt Dow. Europa erhofft sich von der Satellitennavigation ein großes Geschäft. Das Galileo-Projekt soll dem Abendland mehr als hunderttausend Arbeitsplätze bescheren und jährliche Geschäftsabschlüsse von neun Milliarden Euro erzielen. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Betreiber soll dereinst bei 4,6 liegen. Die Esa und das Hessische Wirtschaftsministerium gehen davon aus, dass Galileo weltweit Umsätze in Höhe von hundert Milliarden Euro erzielt.

„Derzeit informieren wir die deutschen Unternehmen darüber, was Galileo zu leisten imstande sein wird“, sagt Gaele Winters, Direktor am Esoc. Er sieht große wirtschaftliche Potenziale in dem europäischen Vorhaben und hat kürzlich mit entschieden, ein Galileo-Gründerzentrum in Darmstadt einzurichten. Dieses soll langfristig Unternehmen anlocken und Jobs ins Land bringen. Angesichts der wirtschaftlichen Aussichten ist es nicht ganz unwichtig, wer Galileo dereinst betreibt. Nach langem Hin und Her haben sich die Beteiligten vor wenigen Monaten auf ein gesamteuropäisches Industriekonsortium geeinigt. Es setzt sich aus acht großen (Alcatel, EADS Space Technolgies, TeleOp und andere) und dutzenden kleineren Unternehmen zusammen. „Diese Auswahl“, stimmen Bachem und Dow überein, „steht und wird sich wohl nicht mehr ändern.“ Der Weg für Galileo scheint frei zu sein. Ob Europa ihn zügig beschreitet, wird sich herausstellen.

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