Zeitung Heute : Mit Gewinn

Henrik Mortsiefer

Bundespräsident Horst Köhler hat sich für eine stärkere Beteiligung von Arbeitnehmern an Unternehmensgewinnen ausgesprochen. Wie kann das konkret aussehen?


Der Bundespräsident spricht ein Thema an, das aus der Mode gekommen ist. Seit dem Zusammenbruch der Börsen vor gut fünf Jahren erscheint es vielen Mitarbeitern börsennotierter Unternehmen nicht besonders attraktiv, Aktien ihres Arbeitgebers zu besitzen. Statt von steigenden Kursen zu profitieren und damit einen zusätzlichen Arbeitsanreiz zu erhalten, sind ihre Belegschaftsaktien oder Aktienoptionen häufig abgestürzt.

Doch nicht nur an den Börsen hat sich das Klima inzwischen verbessert. Auch Unternehmen, die keine Aktien ausgeben, denken wieder darüber nach, wie sie ihre Angestellten am Kapital oder – häufiger – am Gewinn beteiligen können. Schon Ludwig Erhard formulierte das Ziel, die soziale Marktwirtschaft solle als eine „Gesellschaft von Teilhabern“ aufgebaut werden. Doch der Nachholbedarf ist noch groß: Während in Frankreich 43 Prozent und in Großbritannien rund 24 Prozent aller abhängig Beschäftigten an „ihrem“ Unternehmen beteiligt sind, liegt Deutschland mit rund fünf Prozent weit zurück. Auch in Finnland, den Niederlanden und Irland ist die finanzielle Mitarbeiterbeteiligung verbreiteter als bei uns.

Dabei gibt es Möglichkeiten genug. Die Beteiligung von Arbeitnehmern lässt sich in Form von Belegschaftsaktien, GmbH-Anteilen, Genossenschaftsanteilen, stillen Beteiligungen, Mitarbeiterdarlehen oder Genussscheinen realisieren. Aktiengesellschaften geben dabei eigene Anteile oder Optionen zum späteren Kauf von Anteilen an ihre Beschäftigten aus oder bieten die Papiere zum vergünstigten Preis zum Kauf an. Oft sind die Programme Teil der variablen Vergütung, die vom persönlichen Erfolg abhängt. Hat ein Unternehmen keine eigenen Aktien, werden häufig Prämien oder Gratifikationen gezahlt, die an Indikatoren wie den Unternehmensgewinn, das Produktivitätswachstum oder die Umsatzentwicklung gekoppelt sind. Die Deutsche Bahn zum Beispiel hat mit den Gewerkschaften eine Gewinnbeteiligung ausgehandelt – im Gegenzug für Zugeständnisse der Mitarbeiter bei den Arbeitskosten. Schafft es der Konzern in den kommenden Jahren jeweils ein bestimmtes Profitniveau zu erreichen, erhalten die Mitarbeiter einen Bonus von bis zu 600 Euro

Während die Zahl der Belegschaftsaktionäre nach Angaben des Deutschen Aktien-Instituts seit 1998 von 1,65 auf 1,36 Millionen gesunken ist, wächst das Interesse von Mittelständlern an Beteiligungsmodellen. Der Grund: Studien zeigen, dass die Firmen damit nicht nur ihr Eigenkapital aufbessern, sie werden auch in der Regel produktiver, flexibler und innovativer. Außerdem sinkt die Mitarbeiterfluktuation, das Personal wird kostenbewusster und identifiziert sich mehr mit den Unternehmenszielen. Belegschaftsaktien bieten vor allem die chemische Industrie sowie der Kredit- und Finanzsektor an, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ermittelt hat. Auch hier ist nachgewiesen, dass die Wertschöpfung pro Beschäftigtem bei diesen Unternehmen deutlich höher liegt.

Allerdings weisen Experten darauf hin, dass eine finanzielle Beteiligung allein die Motivation der Mitarbeiter noch nicht fördert. Nur als Teil einer Unternehmenskultur, die Teilhabe und Mitsprache der Belegschaft ohnehin berücksichtigt, zahlt sich auch ein finanzielles Beteiligungsmodell aus. Außerdem eignet es sich besonders dann, wenn das Unternehmen schon erfolgreich am Markt operiert.

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