Zeitung Heute : Mit Gottes Beistand

Zum Durchatmen im Trubel der WM bieten der Berliner Dom und die Gedächtniskirche Fußballandachten an. Abseits des großen Trubels sollen die Anhänger bei Reflexionen über Themen wie Abseits, Teamgeist und Fußballgott Ruhe finden. Der Andrang ist derzeit noch überschaubar.

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Diese Arena ist nicht ausverkauft, im Gegenteil. Im Berliner Dom verlieren sich zur werktäglichen Fußballandacht nur etwa 15 Menschen. Und auch nur einer von ihnen ist nachweislich ein Fußballfan. Ein einsamer älterer Brasilianer im Ronaldinho-Trikot, den der Organist auf seinem Weg zur Orgel enthusiastisch willkommen heißt, sitzt schon eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes in einer der Bänke – und betet. Auch wenn die brasilianische Nationalelf das vermutlich gar nicht nötig hat. „Während der Andacht können die Fans abseits des ganzen Trubels mal durchpusten und Ruhe finden“, sagt Pfarrer Oliver Dekara, der im Wechsel mit mehr als 20 Kollegen die kurzen Fußballmessen zur WM gestaltet.

Anfangs findet sich in erster Linie Stammpublikum im Dom wieder, die Andacht findet schließlich jeden Tag um zwölf Uhr statt und ist nur während der WM unter das Motto „Halbzeit“ gestellt worden. Aber während Dekara vorne auf der Kanzel aus dem Lukas-Evangelium liest, bekommt der Brasilianer dann doch noch Gesellschaft von zwei ebenfalls ins Trikot der Selecao gekleideten Landsleuten. Auch eine Gruppe junger Portugiesinnen und zwei Nonnen aus Peru kommen verspätet, dafür aber umso andächtiger in die Kirche, um den in deutscher und englischer Sprache vorgetragenen Fußballgedanken zur Mittagsstunde zu lauschen. Wobei der Sport in der Rede Dekaras eine gar nicht so dominante Rolle spielt. „Das ist der bewusste Versuch, Fußball und christlichen Glauben nebeneinander zu stellen. Nichts, auch nicht der Sport, sollte einen Menschen so absorbieren, dass er nicht mehr auf Distanz dazu gehen kann“, erklärt der 41-Jährige.

In der Andacht selbst will allerdings besonders der musikalische Funke noch nicht so recht überspringen. Der Organist spielt „Amazing Grace“, die Gläubigen können den Text dem extra für die Gottesdienste angefertigten Faltblatt entnehmen. Doch die Brasilianer wollen scheinbar ihre Stimmbänder in weiser Voraussicht auf das nahende Spiel gegen Kroatien noch nicht überstrapazieren – und die Stammgäste scheinen mit dem Liedgut nicht ganz vertraut zu sein. So muss der heute prächtig aufgelegte Mann an der Orgel die Atmosphäre noch mal anheizen. Sein Schlussbeitrag ist eine mehrminütige „God save the Queen“-Variation, deren finalen Akkord er geschlagene 15 Sekunden hält. Wären Engländer anwesend gewesen, niemand hätte sie vor Begeisterung halten können.

Die Einlage überrascht selbst Dekara, doch natürlich steckt auch hinter dem musikalischen Konzept der Gottesstunden Absicht: „In unserem Programm sind beispielsweise durchaus Lieder zu finden, deren Melodien schon von den Anhängern in den Stadien zu Fangesängen umfunktioniert worden sind“, sagt er, „weil ja ohnehin viele Abläufe besonders unter Fans beim Fußball eine Form der Liturgie sind.“

Nach zwanzig Minuten der Besinnung entlässt der Pfarrer die Gläubigen mit einem Friedenssegen zurück in den WM-Tag, wobei besonders die Brasilianer sich noch ein weiteres Mal wundern. Der Küster des Doms nämlich beweist, dass die versuchte Völker- und Fanverständigung dieser WM sich nicht nur auf Fanfesten und am Bierstand manifestieren muss. Er verabschiedet die Südamerikaner am Ausgang persönlich und wünscht ihnen auf Portugiesisch ein schönes Spiel. Der alte Mann im Ronaldinho-Trikot bedankt sich freundlich – und wirft einen 5-Euro-Schein in den Klingelbeutel.

Jan-Christoph Poppe

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