Zeitung Heute : Mit grenzenloser Gewalt

Der Terror kommt nach Westeuropa. Hier sind die Anschläge von Madrid fast ohne Beispiel. Aber die Attentäter haben ein Vorbild – Al Qaida.

Frank Jansen

Wie sich die Bilder gleichen. Der Morgen des 5. Dezember 2003, nahe dem südrussischen Ort Jessentuki: Eine gewaltige Explosion zerfetzt den zweiten Wagen eines voll besetzen Pendlerzuges. 41 Menschen kommen ums Leben, mehr als 150 werden verletzt. Nächster Akt: 6. Februar 2004, es ist wieder früher Morgen, als in einem Zug in der Moskauer U-Bahn ein mit Sprengstoff gefüllter Rucksack detoniert. 39 Menschen werden zerfetzt, 130 oder noch mehr erleiden schwere Verletzungen. In einer ersten Reaktion sagt Russlands Präsident Wladimir Putin, „das ist die Pest des 21. Jahrhunderts“. Doch er konnte nicht ahnen, dass die Seuche schon bald die ursprünglichen Krankheitsherde verlassen sollte. Denn Putin meinte den Terror der Tschetschenen und anderer Gotteskrieger, als er von „Pest“ sprach – in Madrid hingegen vermutet die spanische Regierung Eta-Anhänger. Wenn diese Theorie denn stimmt, dann würde Madrid zeigen, wie sich der islamistische Terror in seiner mörderischen Effizienz kopieren lässt. Auch ohne Selbstmordattentäter.

„Man lernt voneinander“

Das vermutet zumindest der deutsche Experte Kai Hirschmann: „Al Qaida hat die Blaupause geliefert.“ Das sei genau das, „was ich befürchtet habe.“ Die Eta-Kader, aber auch andere extremistische Gruppen schauten sich die Anschläge der Al Qaida, der Tschetschenen und des islamistischen Terrornetzes überhaupt „sehr genau an“. Die Konsequenz: „Man lernt voneinander.“

So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Terror der Eta und jener der Islamisten einander auffallend ähnlich werden: Dass die militanten Basken ähnliche Methoden wie zum Beispiel die Tschetschenen anwenden könnten, zeichnet sich schon einige Zeit ab. Weihnachten 2003 gelang es der spanischen Polizei nur knapp, den von zwei jungen „Etarras“ vorbereiteten Anschlag auf einen Zug zu verhindern. Ende Februar 2004 wurde ein Lkw gestoppt, der mit 500 Kilogramm Sprengstoff in Richtung Madrid unterwegs war. „Da ist in der Eta eine neue Generation am Werk“, sagt Hirschmann, „die passt sich dem islamistischen Terrorismus an.“ Das heißt: kein warnender Anruf vor einem Anschlag, wie früher üblich, Abkehr von schwer zu planenden und riskanten Angriffen auf „harte“ Ziele, also geschützte Politiker, Polizeistationen oder Militärbasen. Bevorzugt werden Attentate auf „weiche“ Ziele – das kann, nach dem Modell islamistischer Anschläge, ein Zug oder eine U-Bahn sein, ein Rockkonzert (Moskau im Juli 2003, 15 Tote), ein Vergnügungsort (Bali, Oktober 2002, 202 Tote), ein Hotel (Kenia, November 2002, 16 Tote) sowie alle anderen Orte, an denen Zivilisten in großer Zahl aufeinander treffen. Und völlig wehrlos sind.

Da könnte sich, wie es ein Sicherheitsexperte nennt, ein „Desperado-Extremismus“ zusammenbrauen. Ob die Anschläge politisch zu vermitteln sind, erscheine zweitrangig. Die junge Generation der Eta halte den Kampf der Veteranen, die fast alle im Gefängnis sitzen, für gescheitert. Und spüre, dass die Organisation in die Bedeutungslosigkeit absinkt. Die Reaktion: monströse Verzweiflungsakte. Die Anschläge in Madrid erinnern dabei nicht nur an Al Qaida, sondern angesichts des Tatorts und in der Dimension der Menschenverachtung auch an den schweren Anschlag italienischer Rechtsextremisten auf den Bahnhof von Bologna, im August 1980. Damals starben 85 Menschen.

Ein weiteres Kennzeichen des modernen Extremismus ist die Aufweichung von Strukturen und Hierarchien. Wie die islamistischen Zellen, die längst weitgehend autonom agieren, scheinen auch Fanatiker anderer Couleur einen minimalistischen und deshalb schwer zu ermittelnden Organisationsgrad anzustreben. Die Anschläge in Madrid könnte ein Indiz dafür sein, dass der Eta-Nachwuchs in Mini-Zellen und individualistische Fanatiker ausfranst, die auf eigene Faust handeln. Denn es scheint kaum vorstellbar, dass die alte Eta, geprägt vom militärisch-politischen Kampf um Anerkennung des baskischen „Freiheitswillens“, derart diskreditierende Attentate in Auftrag.

Jeder Anschlag hat, auch wenn das makaber klingt, seine eigene „Sprache“. Könnte die der Attentate in der spanischen Hauptstadt nicht nur methodisch einen islamistischen Klang haben? Spaniens Innenminister gab am Donnerstagabend bekannt, dass am Startbahnhof eines der gesprengten Züge in einem Lieferwagen Zünder und eine Kassette mit Koranversen gefunden wurden. Immerhin hat die spanische Regierung von Beginn an den Irakkurs von US-Präsident Bush unterstützt. Und in Madrid sind, wie bei mehreren Angriffen islamistischer Terroristen, gleich mehrere Bomben explodiert.

Negative Symbole

Auf den ersten Blick spricht die Anlage der Madrider Anschläge dagegen: Bisher haben sich die Gotteskrieger immer Ziele ausgesucht, die für Teile der islamischen Welt einen deutlich erkennbaren, negativen Symbolwert haben: das als Inbegriff des satanischen US-Imperialismus geltende World Trade Center, die Gotteshäuser der Juden auf Djerba und in Istanbul, die als dekadent geltenden Diskotheken der ungläubigen Touristen auf Bali. Auch die attackierten Züge in Russland passen in dieses Schema. Denn die mutmaßlich tschetschenischen Attentäter wollten die Russen für den Krieg im Kaukasus bestrafen. Die Anschläge auf die Madrider Züge haben dagegen für Islamisten keinen – begreifbaren – symbolischen Wert.

Das Entsetzen der Spanier, so kurz vor der Parlamentswahl, könnte jedoch dem Kalkül einiger Eta-Fanatiker entsprechen, die auf eine noch härtere Konfrontation mit dem spanischen Staat setzen. In der Hoffnung, die Repression treffe mit voller Wucht das Baskenland und provoziere damit neue Sympathien für die Eta. So ähnlich haben links- und rechtsextreme Terroristen in der Vergangenheit auch schon kalkuliert – aber abgesehen vom Anschlag im Bahnhof von Bologna gab es in Westeuropa nach 1945 keinen Anschlag mit einer Opferzahl, die üblicherweise Al Qaida anstrebt. Die katholischen „Etarras“ hätten nun, wenn sie es waren, zum Terror der Islamisten aufgeschlossen.

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