Zeitung Heute : Mit Heinrich spazieren gehen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Ach, Heinrich Heine, du unser aller Vorbild, du Schlingel und Hitzkopf, du flanierender Genießer und genießender Flaneur, du revolutionärer Salonlöwe und Streiter wider die Mikrobe der menschlichen Dummheit – heute gibt es eine Hymne an dich, du immergrüner Glossenschreiber, weil heute so ein runder Tag ist, dein Todestag, der 150. Die Berliner haben drei Denkmäler von dir aufgestellt, zwei gleich doppelt, da sitzt du am Weinbergsweg und hinter der Neuen Wache mitten unter uns und erklärst die schöne Welt oder hältst eine Rede an die Frauen. Die Avenue Unter den Linden muss zu deiner Zeit ein langer Laufsteg gewesen sein: „Sie blühn so hold und minnig im farbigen Seidengewand; ein Dichter hat sie sinnig wandelnde Blumen genannt. Welch schöne Federhüte! Welch schöne Türkenschals! Welch schöne Wangenblüte! Welch schöner Schwanenhals!“ In den „Briefen aus Berlin“ findet sich noch eine zeitgemäßere „Linden“-Beobachtung: „Sie wundern sich über die vielen Baumaterialien, die hier herumliegen und die vielen Arbeiter, die hier sich herumtreiben und schwatzen und Branntwein trinken und wenig tun...“ Kennst du deine Pappenheimer in Berlin, dieser kalten Stadt, die so nah am Eispol liegt, dass einem die Eisbären auf der Straße begegnen? Heinrich hat auch Tröstendes. Irgendwie muss es ihm zwischen Hegel, Rahel Varnhagen und Lutter & Wegner so gut gefallen haben, dass er sagt: „Ich sehne mich nach einem Lande, das noch nicht entdeckt ist. Manchmal auch nach Berlin.“ Oder hat er es ganz anders gemeint mit diesem Krähwinkel, wo „wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu nötig sind, wenn man etwas anderes sehen will als tote Häuser und Berliner“?

Was machen wir heute? Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, küsse die Marketenderin – und leg noch ein Blümchen ans Denkmal hin! Am Bundestagshaus Behren-/Ecke Wilhelmstraße hängt ein Haken an der Gedenktafel, die sagt, dass du hier anno 1821 - 1822 gewohnt hast. Ob dir die Stadt da heute einen Kranz spendiert? Dies hoffen wir von ganzem Herzen.

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