Zeitung Heute : Mit Hitler gegen den Euro

George Eustice macht eine Kampagne für das Pfund, und viele Briten denken wie er – aber nicht nur Tony Blair will das Volk jetzt umstimmen

Flora Wisdorff[London]

Der Film geht so – „Europe yes, Euro no“, ein Wirtschaftswissenschaftler, ein Unternehmer und eine junge, hübsche Passantin sind alle der gleichen Meinung. Die Szenen spielen in Großbritannien im Jahr 2002. Dann kommt Deutschland, irgendwann in den 30er Jahren. „Ein Volk! Ein Reich! Ein Euro!“ Hitler gestikuliert wild auf einem Balkon, unter ihm eine jubelnde Menschenmasse. Wieder Szenenwechsel. Eine britische Kleinstadt heute. Ein junger Mann mit einem dämlichen Grinsen steht auf der Straße und fuchtelt mit einem Schild herum. „Yah to the Euro“, steht darauf. Yah wie das deutsche Ja.

„Das ist einfach britischer Humor“, sagt George Eustice, Chef der „No Campaign“, der britischen Kampagne gegen die Einführung des Euro. Er hat den Film machen lassen. Ein paar Blöcke von den Bankentürmen der Londoner City entfernt verbirgt sich Eustices Nein-Zentrale in einem Backstein-Reihenhaus. Setzt der Clip nicht auf irrationale Ängste: der grinsende Verrückte, und Hitler ist doch auch längst tot? Nein, sagt Eustice. Er sitzt in einem Konferenzraum, in dem die Kartons mit Nein-Prospekten überquellen. Die Briten könnten über so etwas lachen, sagt er. Über die Hitler-Parodie will er nicht sprechen. Stattdessen sagt er: „Wir machen fundierte ökonomische Analysen, mit denen wir unsere Ablehnung des Euro auch begründen.“ Eustice ist 31 Jahre alt. Er ist gedrungen und hat schwarze Haare. Er war einmal Erdbeerzüchter.

Auch Großbritanniens Finanzminister Gordon Brown lehnt den Euro ab. Am 9. Juni wird er die Ergebnisse von fünf ökonomischen Tests für den Euro veröffentlichen, die sein Ministerium in den vergangenen Monaten erarbeitet hat. Dann wird er auch sagen, ob es vor den nächsten Wahlen 2006 noch eine Volksbefragung geben wird. Anhand der Tests soll geprüft werden, ob Großbritannien vom Euro profitieren würde. In den britischen Zeitungen steht schon jetzt, dass die Mehrzahl der Tests Nein sagen wird. Deswegen würde Gordon Brown am Pfingstmontag auch am liebsten verkünden, dass eine Volksbefragung ausgeschlossen ist. Doch es sieht so aus, als ob Premier Tony Blair sich gegen ihn durchsetzen wird. Blair will einen Volksentscheid. Er will den Euro unbedingt, den er das „Schicksal Großbritanniens“ nennt. Die meisten Briten allerdings möchten ihr Pfund behalten: 70 Prozent, wenn man den jüngsten Umfragen glaubt. Auch Großbritanniens Boulevardblätter machen kräftig Meinung gegen den Euro. „Warum der Euro Sie ihren Job kostet“, titelte die „Sun“ kürzlich, und beklagte, dass Blair „1000 Jahre britische Unabhängigkeit“ aus der Hand geben wolle.

„Ein Nein zum Euro wäre ein Nein zu Europa“, echauffiert sich Simon Buckby in seinem Büro in Nord-London, ein Dutzend Kilometer vom Quartier der Euro-Gegner in der City entfernt. Er ist 36, groß und blond und er war einmal Wirtschaftsjournalist. Er ist das Gegenstück zum Euro-Gegner Eustice. Er macht die Kampagne dafür. In einer stillen Straße mit Bürogebäuden, nicht weit vom Getöse der Edgware Road entfernt, einer der Hauptverkehrsstraßen in Nord-London mit billigen Curry-Restaurants und Sandwich-Shops, steht das dreistöckige Haus aus den 80ern. Von hier aus leitet Buckby die Kampagne „Britain in Europe“ mit 35 Mitarbeitern. Ein „nach innen gedrehtes, nationalistisches, ängstliches Land“ wolle Eustice fördern, sagt er. „Eine Inselmentalität, die ich wirklich nicht mag“. Buckby mag etwas anderes. „Ich glaube an ein liberales, multikulturelles und trotzdem patriotisches Großbritannien. Und dazu brauchen wir Europa.“ George Eustice wolle ein Großbritannien zurück, das davon lebt, den Zweiten Weltkrieg gewonnen zu haben. „Fucking George nennen wir ihn hier.“Fucking? Charmant und eloquent hat Buckby in seinem grauen Anzug bisher argumentiert. Aber er weiß eben auch, wie man provoziert. Und wie man Meinung manipuliert. Er hat 1997 die Wahlkampagne für die Labour-Partei geleitet. „Britain in Europe“ hat die Unterstützung der Labour-Partei.

Euroskeptiker Eustice dagegen sagt, dass er und seine Kampagne unpolitisch seien. „Ich habe keinerlei politische Erfahrung“, sagt er. Mit den Fakten konfrontiert, muss er aber dann doch zugeben: 1999 kandidierte er für die Independence Partei bei den Wahlen zum Europäischen Parlament. Independence wollte Großbritannien aus der EU heraus holen. Jetzt führt Eustice eine Kampagne, deren Slogan „Europe yes, Euro no" heißt. Wie kann das sein? „Ich habe eben meine Meinung geändert, dazu hat ja wohl jeder das Recht.“ Jetzt denke er, dass sich die EU verändern muss. „Beim Binnenmarkt oder der Wettbewerbspolitik macht die Union Sinn. Beim Euro nicht.“

Ohne Euro zögen die Firmen ihre Arbeitsplätze aus Großbritannien ab, kontert Euro-Befürworter Buckby. Er hat die großen Konzerne hinter sich. Vodafone, BP oder British Airways – sie alle wollen die Einheitswährung. Dafür unterstützen sie die Ja-Sager auch finanziell. Die Unternehmer klagen über Kursschwankungen des Pfund. Autobauer wie Nissan, Toyota oder Honda haben schon mehrfach den Standort Großbritannien für ihre Werke in Frage gestellt.

„Wir dürfen unsere Geldpolitik nicht der Europäischen Zentralbank übergeben“, argumentiert dagegen Eustice. Schließlich wolle man nicht wie Deutschland enden – ohne Möglichkeit, mit einer eigenen Zinspolitik die Wirtschaft anzukurbeln.

Wie Buckby und Eustice es auch drehen und wenden: Eine eindeutige ökonomische Antwort für oder gegen den Euro gibt es nicht. Wie genau die Unternehmen auf den Euro reagieren werden, kann man kaum vorhersagen. Dass Großbritannien momentan schneller wächst und weniger Arbeitslose hat als die Eurozone, ist Fakt. Aber der Euro hat Spanien, Griechenland oder Irland in den vergangenen Jahren auch nicht daran gehindert, schneller zu wachsen als Großbritannien. Die Entscheidung ist politisch: für oder gegen mehr Integration in die EU.

Die Briten, die ihr Pfund lieben und den Zeiten des Empire nachhängen, als Großbritannien noch über Kolonien in der ganzen Welt herrschte, sind schwer davon zu überzeugen, dass sie nun Macht an Brüssel abgeben sollen. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Brite, der das Pfund behalten will, auch gegen Europa ist.

Das lässt Tony Blair hoffen. Es setzt jetzt alles daran, seinen Finanzminister dazu zu bringen, am Pfingstmontag ein Referendum in Aussicht zu stellen. Und es sieht so aus, als ob er das schafft und es zu einem Volksentscheid kommt. Buckby und Eustice jedenfalls machen weiter mit ihren Kampagnen. Nein-Eustice gibt sich bereits siegessicher, während Euro-Befürworter Buckby auf die Rationalität der Briten setzt. Und auf Tony Blair, „weil der jede Meinung herumreißt.“ Eustice kann da ein wenig gelassener sein.

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