Zeitung Heute : Mit Humor und Organisationstalent

Nach der Ausbildung war sie lange auf Jobsuche Die Unsicherheit der anderen lächelt sie weg Weder auf der Straße noch im Job: Anne Priemer akzeptiert keine Barrieren. Ihr Arbeitsplatz an der HTW passt sich ihr an.

Hürden überwinden. Anne Priemer hat
Hürden überwinden. Anne Priemer hat

Wer Anne Priemer unvorbereitet begegnet, fühlt sich automatisch ein wenig unbeholfen. Die meisten gehen ihr aus dem Weg, treten zur Seite. Die 26-Jährige fällt auf: Sie sitzt im Rollstuhl. „Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen“, sagt sie nüchtern.

Anne Priemer hat gelernt, die Unsicherheit der anderen wegzulächeln. Seit knapp eineinhalb Jahren arbeitet sie an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Sie berät Studenten vor allem bei der Zulassung ihrer Fachleistungen. Täglich muss sie sich auf neue Menschen einstellen, die in ihrem Büro um Rat fragen.An die Blicke bei der ersten Begegnung hat sie sich längst gewöhnt. „Setzen Sie sich doch, sonst bekomme ich einen steifen Hals“, sagt sie häufig zu ihren Studenten. Wenn beide lachen müssen, ist die Unbeholfenheit schnell vergessen. Überhaupt könne Humor jede Situation retten, sagt sie.

Weil ihr bei der Geburt Sauerstoff fehlte, wird ihre Motorik ein Leben lang eingeschränkt sein. Sie spürt zwar ihre Beine, doch ohne Rollstuhl kommt sie nicht voran. In der Schule, in der Ausbildung, im Alltag: Priemer versteckt sich nicht mit ihrem Handicap. Das Wort Diskriminierung verabscheut sie, von einer Sonderrolle als Schwerbehinderte hält sie nichts. Sie will alle Barrieren überwinden und trifft doch auf Hürden – zum Beispiel bei der Jobsuche.

Priemer ist gelernte Kauffrau im Gesundheitswesen. Sie weiß, wie man Abrechnungen macht, Akten verwaltet, sie kennt alle klassischen Büroarbeiten. Trotzdem war sie nach ihrer Ausbildung immer wieder auf Jobsuche. „Es ist schwer einen Arbeitgeber zu finden, der sich traut einen Schwerbehinderten einzustellen“, sagt sie. Viele schieben fadenscheinige Gründe vor, glauben, dass sie die Voraussetzungen nicht erfüllen können. Ihre Stimme klingt verständnislos, wenn sie davon erzählt, aber nie verbittert.

Priemers Chef an der HTW hatte keine Bedenken gegenüber einer Mitarbeiterin im Rollstuhl. „Sie passt auf die Stelle“, hieß es. Sie bekam einen höhenverstellbaren Schreibtisch und ein Regalfach, das sie gut erreichen kann. Wenn sie Hilfe braucht, springen die Kollegen ein. Für alle gilt: Der Fachbereich muss laufen, das Team muss funktionieren.

Die Hochschule macht es Schwerbehinderten leicht, sich auf dem Gelände zurecht zu finden. Alle wichtigen Türen öffnen sich automatisch, für Blinde gibt es Wegweiser mit Braille-Schrift, im Aufzug wird die Etage angesagt. Bisher arbeiten 40 Menschen mit Handicap für die HTW. Künftig sollen es noch mehr werden.

„Es kommt auf die Qualifikation an“, sagt Schwerbehindertenvertreter Frank Berger. „Wenn wir einen Mitarbeiter mit Handicap haben wollen, schaffen wir die Voraussetzungen.“ Für einen neuen Tisch oder spezielle Lesegeräte wird richtig Geld ausgegeben. Schließlich will die HTW mehr als nur barrierefrei sein. „Der Begriff geht weit über die Standardausstattung hinaus“, sagt Berger. „Es soll Schwerbehinderten Spaß machen, an der Hochschule zu studieren oder zu arbeiten.“ Mit seinen Ideen stößt er nicht immer auf offene Ohren. Vor allem, wenn es um zusätzliches Geld von der Verwaltung geht. Doch er bleibt hartnäckig. Wird Personal gesucht, haben Schwerbehinderte gute Chancen, wenn die Qualifikation passt.

Mittagszeit auf dem Campus: Die Studenten genießen die Pause, die Angestellten halten ein Schwätzchen vor der Mensa. „Wieder unterwegs, Anne?“ ruft einer der Sicherheitsingenieure Priemer zu, der Zwei-Meter-Mann beugt sich zu ihr hinunter, schüttelt ihr die Hand. Priemer ist bekannt auf dem Campus.

Ihre Augen sind wachsam. Sie bemerkt vieles, was Nicht-Behinderte übersehen. Etwa wenn eine der schweren Eingangstüren blockiert ist oder der Bürgersteig für Rollstuhlfahrer versperrt. Verärgert ist sie selten, lieber weist sie auf die Missstände hin. Nur wenn es um die Sonderparkplätze für Behinderte geht, wird sie wütend: Viele parken hier nur aus Bequemlichkeit, sagt sie.

Die 26-Jährige hat gelernt, sich zurechtzufinden. Dazu gehört viel Organisation. Will sie zum Beispiel zum Pop-Konzert, braucht sie einen behindertengerechten Platz. Dann muss sie überlegen, wie sie zur Halle kommt und welche Alternativen es gibt, wenn sie den Bus verpasst. „Manchmal ist das anstrengend. Aber ich weiß ja wofür“, sagt sie.

Einschränkungen gibt es für sie nicht. Anne Priemer wünscht sich von der Gesellschaft vor allem mehr Respekt. „Ich möchte als Mensch wahrgenommen werden“, sagt sie. „Und nicht nur reduziert auf mein Handicap.“

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