Zeitung Heute : Mit Juden und Palästinensern

Der Tagesspiegel

WO IST GOTT?

Gott ist in der Bombe jedes Selbstmord-Märtyrers, der mit seinem Tod möglichst viele von diesen verhassten Israelis mit in den Tod nimmt und den Gott im Paradies dafür mit 72 Jungfrauen belohnen wird." – „Gott ist in und bei seinem Heiligen Land, dass er uns versprochen hat und das wir unter allen Umständen, auch mit dem Blut der Palästinenser, verteidigen müssen, denn es ist ja Gottes Land." So antworten verbohrte Fundamentalisten, palästinensische Muslime wie israelische Siedler.

„Gott ist in jedem Menschen, der Gutes tut und Frieden stiftet." So antworten andere fromme Menschen in Israel und Palästina, Juden, Christen und Muslime.

Kann das sein, dass unter Berufung auf Gott Menschen so unterschiedlich antworten? Können Gläubige unter Berufung auf ihren Gott andere Menschen töten? Und reden von einem Gott der Liebe!

Bei meinem Besuch in Israel und Palästina vor drei Wochen habe ich anschaulich erlebt, wie christliche Palästinenser die Frage, wo Gott ist, durch praktisches Tun beantworten. Sie erleben gegenwärtig die schlimmste Zeit ihres Lebens. In Bethlehem und Beit Jala sind sie unter Ausgangssperre, können nur selten für ein paar Minuten auf die Straße, um das Notwendigste einzukaufen. Die meisten haben kein Wasser, keinen Strom. Die Gemeinde in Beit Jala konnte ihren Ostergottesdienst nicht feiern. Die Menschen dort haben Todesangst. Natürlich wissen sie, dass auch die Menschen in Israel Todesangst haben, dass auch sie sich nicht auf die Straße trauen, weil sie befürchten, Opfer eines Selbstmordattentäters zu werden.

In dieser trost- und hoffnungslosen Situation, wie ich sie dort nicht einmal während des Golfkrieges mit seinen Raketenangriffen erlebt habe, sehen die lutherischen palästinensischen Gemeinden in Bethlehem und Beit Jala ihre Aufgabe darin, in diesem Inferno der Gewalt ein engagiertes Zeichen für Frieden und Versöhnung zu setzen. Sie planen und bauen zwei Zentren für Begegnung und Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen. Sie glauben fest daran, dass Gott ein Gott des Friedens, der Liebe und der Versöhnung ist.

Für mich war dies das Hoffnungszeichen, das ich von meinem Besuch in Gottes Heiligem Land mitgenommen habe. Dort leben nicht nur Menschen, die „Gott" für ihre Gewaltaktionen und Terrorakte instrumentalisieren. Wo ist Gott? Die Christen dort – nicht nur sie, aber bei ihnen habe ich dies besonders gespürt – beantworten die Frage eindeutig: Gott ist da, wo Menschen Wege des Friedens suchen und aufeinander zugehen, auch wenn Hass und Gewalt und geschürte Feindschaft dies schwer machen. Sie trauen Gott zu, Menschen auch in der scheinbar hoffnungslosesten Situation zu stärken. Gott ist ein Freund des Lebens, dessen bin ich mir gewiss, und nicht ein Gott, der Freude hat an der Gewalt. Das hat er uns an Jesus Christus gezeigt.

Der Autor ist Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. Von 1985 bis 1991 war er als Probst der evangelischen Gemeinde in Jerusalem tätig. In der Karwoche hat er Israel und Palästina besucht.

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